KW25
Die Magierin. Für Gertrud Leutenegger (1948-2025)
Die Schweiz hat eine ihrer grössten Erzählerinnen verloren.
Gertrud Leutenegger ist tot, und wer sie und ihre Texte kennt, der mag dieser Nachricht wohl nicht so recht trauen. Eine feine, eine zerbrechliche Autorin ist sie, und zugleich doch bestimmt, mit klaren Linien. Eine Literatin mit vielen Geheimnissen, eine Seherin. Wer einmal ihren Panischen Frühling (2014) gelesen hat, der weiss: Diese Erzählerin sieht die Wasser steigen, sieht auf den Grund der Zeit – und die Flut, sie steigt auch in ihr, treibt dieses Ich ins Irgendwo, sie muss es erst wieder suchen gehen. Gertrud Leutenegger sah – und man muss es nun für einmal in der Vergangenheitsform aussprechen – anders auf diese Welt. Wer mit ihr zu tun hatte, wer sich glücklich schätzen durfte, mit ihr über das Schreiben zu sprechen, über die Kunst, über das, was einem unversehens begegnet, über das Wunderbare, von dem sie nicht ablassen konnte, wer sie über ihre Innerschweizer Heimat reden hörte, über das Alpenglühen, das sie in Zürich immer vermisst hat – der wusste sofort, dass diese Frau Schriftstellerin werden musste. Weil sie nämlich literarisch, nein: lyrisch in die Welt hineinsah. Nichts blieb ihr selbstverständlich, Zeit nahm sie sich für jedes Wort, und manchmal, wenn ihr das Leben zusetzte, trug sie ihr Blick für die unsichtbaren Verbindungen zwischen den Zeiten und Dingen auch über erlittenen Schmerz hinweg.
Für die Schweizer Literatur war Gertrud Leutenegger ein grosser Glücksfall, ein funkelnder Solitär inmitten einer in den 1970er Jahren doch noch recht in Nizons Enge eingezwängten Kulturlandschaft. Früh schon entdeckt sie Siegfried Unseld für den Suhrkamp Verlag, früh schon wird sie in Klagenfurt ausgezeichnet. Das Renommée verdarb sie gleichwohl nicht, sie blieb sich treu in Stil und Kunstverständnis, der Literaturbetrieb und seine Moden sind ihr nicht wesentlich, sie kam ja ursprünglich auch vom Schauspiel. Über ihre zahlreichen Preise an dieser Stelle zu sprechen, das hiesse denn auch, sie als Menschen zu verfehlen, denn grössere Bedeutsamkeit hat sie derlei kulturpolitischen Ritualen nie beigemessen. Sie wollte vor allem gelesen werden. Beim Nachstehenden handelt es sich um den Versuch, diesem Wunsch noch einmal, sicher aber nicht zum letzten Mal, gerecht zu werden. Es handelt sich um die bearbeitete Fassung der Laudatio, die der Verfasser dieser Zeilen im vergangenen September anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Zürich an Gertrud Leutenegger gehalten hat. So beginnt es:
»Die Straße kurvt scharf gegen den Waffenplatz zu. Vielleicht ist die Kurve nicht schärfer als anderswo. Eine Straße, die hart im Winkel abbiegt. Plötzlich berührt dich das. Wie eine Landkarte, die auseinander klappt. Den halben Körper schon in der Kurve, die sekundenschnelle Erregung, was kommt auf dich zu. Eckhäuser schienen mir immer besonders privilegiert. Mit den Gesichtern in zwei Welten. Oder Häuser mit einem zweiten Gesicht. Reichsgasse Ecke Sankt Peter. Bleicherweg Ecke Dreikönigsstraße. Mitten im pausenlosen Verkehr vorgeschobene Überbleibsel einer inselartigen Souveränität.«
Man hört sie, man kann sie spüren, diese Stadt, die Stimme wird, oder umgekehrt: die Stimme, die sich verbaut, in die Häuser dringt, ihr Bewusstsein ausfüllt. Man kennt die Stadt – es ist Zürich -, man kennt den Text und muss ihn kennen, gelesen haben: Es handelt sich um das 1975, vor genau einem halben Jahrhundert erschienene Romandebüt der siebenundzwanzigjährigen Gertrud Leutenegger. Vorabend heisst es. Eine Lektion der Ab- und Ausschweifung ist dieses Buch, das eben am Vorabend, nämlich am Vorabend der angekündigten Maidemonstration spielt, an der die Erzählerin teilzunehmen gedenkt. Sie kommt ihr aber eben zuvor; die Route, die sie nimmt, weicht von jener der grossen Worte und Forderungen ab. Die Plätze und Straßen, die diese Frau passiert und die wir gut zu kennen glauben – sie brechen einfach auf, geben den Blick frei auf verlorene Welten, auf Erinnertes, auf Gelebtes, auch auf Geliebtes. Die lang anwährende Freundschaft zu einer Kollegin aus Kindertagen, das Leben einer italienischen Magd namens Virginia, die Liebe zu einem Mann und deren Bruchstellen, der Arbeitsalltag in einer psychiatrischen Klinik – all das ist Teil eines verborgenen Stadtplans. »Jeder Zentimeter eine Wirklichkeit«, das ist schwerer zu denken als es sich anhört, »jeder Zentimeter eine Wirklichkeit«, das bedeutet nämlich auch, dass an jeder Häuserzeile unzählige Wirklichkeiten haften, an denen wir tagtäglich vorübergehen und die wir nur manchmal empfinden.
Städte, das ist eine Lehre des Vorabends, sind Städte, weil sie uns dieses Vorübergehen erleichtern, erlauben. »Nur in der Verstädterung brechen die Zukunftslinien auf«, heißt es an einer Stelle; und auch dieser Satz birgt ein Geheimnis. Man kommt in den Städten über die Dinge hinweg, kann seine Geschichte, kann viele Geschichten weiterschreiben, um den Preis freilich, dass man aufhört, sie auch zu lesen, auf ihren Grund zu blicken.
Tut man es doch, bleibt man stehen: Dann holt es einen ein. Es träumt, es flüstert, es fragt, wo alles bloß hin ist. Schönheit, literarische Schönheit kann durchaus auch Bestürzung sein, bei Gertrud Leutenegger habe ich sie immer so vorgefunden. Das ist keine nostalgische Prosa, denn sie kennt die dunkle Wahrheit der Nostalgie und verrät sie uns auch. Bisweilen nämlich, »plötzlich« ist das Losungswort, plötzlich fühlt man es auch, nicht wohlig, nicht anheimelnd, vielmehr bitter:
»Wie es von der Börse herüberstierte, in gerader, genauer Linie auf mich zu, dort stand eine Gestalt, bewegungslos, das Gesicht an die Scheibe gepreßt, überscharf in den endlos grauen Glasreihen. Von jeher wissend. Alles verschlingend. In tödlicher Beschlagnahme über unser Haus wachsend.«
Dies Namenlose, das sich nicht überwinden lässt, weil es uns besser kennt als wir uns selbst, wird uns einst heimholen. Es begegnet einem immer wieder in diesem Werk. Monumental erscheint es etwa in Ninive (1977) in der Gestalt eines in seiner ganzen Grösse konservierten Walfischs, den das Freundespaar »Fabrizio und Ich« im einstigen Heimatdorf besichtigen will. »Ins Innere der Herkunft« hat er sich gelegt, der Wal, widerwärtig, steter Schatten über der Kindheit, Kulisse aller Folgeerzählungen, wo immer sie dann auch spielen werden, Ahnung des nahenden Verschlungenwerdens. Auch hier: Ein gleitendes, schweifendes Erzählen auf sich verdunkelndem Untergrund. Man mag die Schlussvision des Romans, das gemeinschaftliche Zerlegen des verwesenden Kadavers, die »weiß vor uns aufrollende sausende Fläche«, auf der die beiden Freunde am Ende »in die kommende Zeit« gehen, als Befreiung von jenem Albdruck lesen, als Triumph der Literatur über numinose Traumata. Aber diese Erzählerin ist zu klug für solche Auflösungen, nicht umsonst zieht sie dann eben doch noch den Blick auf die in den Glaswänden aufgespeicherten »letzten Schatten des gigantischen Tiers«. Schatten, die bleiben, Schatten, die dieses Werk auch vor sich her treiben, es immer wieder zu neuen Bildern greifen lassen, in die man sich vor dem Dunkel flüchten kann.
Einen eigenartigen Schimmer verleiht das den Orten, die Gertrud Leuteneggers Texte aufsuchen. Man denke an jenen Vogelfängerturm in Lugano: ein Gebäude, das allenfalls museale Bedeutung hat, da es seinem Urbild nur nachempfunden ist. Vögel fängt dort niemand mehr. Aber anderes vielleicht schon: Träume, Ängste, Seelen. So mag die Erzählerin von Leuteneggers Roman Matutin (2008) glauben, in jenem Turm als Kustodin angestellt zu sein, als Turmwächterin sozusagen. Doch, man ahnt es: Der Turm hat vielmehr von ihr Besitz ergriffen. Stockwerk für Stockwerk begegnet sie ihrem eigenen Leben von neuem. Manchmal hört sie Stimmen, manchmal steigt sie hinab in den Keller, wo einst die geblendeten Lockvögel ihre Artgenossen in die Fallen riefen, aber jetzt ist es nur noch sie, die sich in den Netzen der Erinnerung verfängt.
Immer wieder zieht es sie auch zur angestammten Stätte bürgerlichen Verdrängens, auf den Dachboden, wo sie ein Wesen erspäht, »das schon nicht mehr in diese Welt gehört«, ihren Vater, einen Menschen mit Schreibmaschine. Dort, jenseits dieser Welt, war noch lautes Schreiben, sah und hörte man einen Mann »hämmern und trommeln und mit seinem langen Schnabel die zündenden Gedanken aus den Zwischenräumen der Tasten hervorklauben«. Dort war grosse Geschichte, heroisches Schriftstellertum, Pathos: Jetzt ist es nurmehr geisterhaftes Flüstern, Halluzination, starres Bild, kaum noch zu bändigen, geschweige denn auf Papier zu bringen.
Alles was um uns ist, alles, was wir sind, war schon einmal da, da stand es noch im Weltzusammenhang. Der Grossvater jagte noch Kolibris im südamerikanischen Urwald, der Vater hat sie noch lebendig gesehen, die Erzählerin von Matutin steht vor den ausgestopften und schäbig verstaubten Exemplaren. Durch restaurierte, verschobene und verlebte Landschaften bewegt man sich und sucht nach der verlorenen Geschichte. Und diese verlorene Geschichte, das, was vom Tage übrigblieb: das schenkt uns die Dichtung Gertrud Leuteneggers. Es ist feingewebte, leise Kunst mit einem ganz eigenen Ton, eine suchende, tastende Literatur, die weniger findet als dass sie gefunden wird. Aus ebendiesem Grund darf etwa Späte Gäste (2020), ihr letzter Roman, als einer der präzisesten Texte über das gelten, was wir »Flucht« nennen. Wieder eine Frau alleine in einem fremden Bau, in einer alten Villa an der italienischen Grenze, eine tote Liebe gilt es zu betrauern, es ist nur eine Nacht zu überstehen. Doch man hat sie gewittert, sie, die aus ihrem Leben vertrieben wurde, und nun suchen sie ihre Gefährten heim, all jene, die auch auf der Flucht sind, an den Grenzen stehen, sie überqueren, manche lebend, manche als Geister. Man sieht sie stranden auf Lesbos, dort, wo einst alles begann, wo schon der Kopf des Orpheus angespült wurde, wo Sappho sang – und jetzt wendet sich die Dichtung zurück dorthin, holt sie an Land, in unser Land. Manchmal streift die Frau etwas im Schlaf, manchmal bleibt die grosse Flucht bloss Gerücht, Nachricht, Meldung. Verstanden wird sie aber nur als eigener Urinstinkt: Wir vermeintlich Sesshaften sind nicht besser, nicht solider, nicht zivilisierter als jene, die sich aufmachen, um woanders besser, würdig oder überhaupt: leben zu können. Was uns von ihnen vor allem anderen unterscheidet, ist unsere Feigheit, ist, dass wir in einer Angst aushalten, die sie zu verlassen wagen:
»Diese Angst im Zusammensein, dieses immer und überall lauernde Unerwartete, ich war ihm nicht gewachsen. Was mich einmal begeistert hatte, bedrohte mich nun. Verwirrt über mich selbst, hörte ich nur noch auf eine Stimme in mir, älter als mein eigenes Leben, ungerecht und ungestüm: die Freiheit. Diese wilde Kraft, ebenso blind wie sehend, zu entkommen. Schon in längst versunkenen Epochen hat sie Völker auf sie Wanderung getrieben, fort von Gewalt, ausgetrockneter Erde, Hunger und Krieg. Alles kommt vom Meer her, sagen die Sizilianer«.
Das ist tiefverstanden und man begreift, obwohl man nicht belehrt wird, wie dieses Werk ohnehin völlig frei vom Gestus der Belehrung ist. Es weiss nichts besser, doch beobachtet alles und wenn es einem auch nicht viel mehr verspricht, als das, was man nun einmal mitbringt, so zeigt es uns hier und dort doch Refugien, in denen wir uns sicher wähnen. Das hier ist wohl das Schönste:
»Allein bleibe ich in der Bahnhofshalle zurück, zwischen den leeren Bambussesseln, den Kopf weit zurückgelehnt, voller Schmerz? Voller Gewißheit? Voll dieses Brennens der Herkunft in mir, und doch eine ganze fremde Welt umarmend. Denn einmal, in der Frühe, einen einzigen Augenblick, oder jenseits aller Zeit, war ich in deinen Augen zu Hause.«
Es ist wahr, dass es noch eine andere Art von Heimkehr gibt, eine, die freilich nicht lange währt, die uneingelöstes Versprechen bleiben muss, die uns nicht rettet. In des andern Augen zu wohnen, das lässt uns für einen Moment überleben. In einem Du zuhause zu sein, man lernt dies in Gertrud Leuteneggers Roman Kontinent, kann die Fremde der Welt für einen Moment heimisch werden lassen. Die Fremde der Welt für einen Moment heimisch werden lassen: dieser Satz hat einen Doppelsinn. Die Fremde wird heimisch, das Heimische fremd, die Kontinente liegen wie geschichtet übereinander, ohne jede Verstörung, wie ein Naturgeschehen, geborgen in der Sehnsucht nach dem anderen. Das geschieht, wenn man liebt. Heimkehr.
In der Nacht auf den 21. Juni ist Gertrud Leutenegger in ihrem Heimatort Schwyz im Alter von 76 Jahren verstorben. Sie wird fehlen – als Schriftstellerin, als Mensch nicht minder. Bleiben aber werden ihre Texte, die Kunst der leisen Worte, die Schärfe ihres Blicks, der die phantastischen Urgründe der Wirklichkeit so sacht zu bergen wusste. Ihr Geheimnis hat Gertrud Leutenegger in dieser Welt gelassen – uns zur Aufgabe. Lesen wir.