KW33
«Letzten Endes bin ich aber immer als Frau unterwegs»
Die Schweizer Buchpreisträgerin Zora del Buono gibt Einblick in ihre Schreibprozesse und ihren Alltag als Autorin
Ich würde gerne mit einer Schnellfragerunde starten. Ein Statement. Tee oder Kaffee beim Schreiben?
Kaffee.
Am Morgen oder am Abend schreiben?
Am Morgen.
Lieber am Schreibtisch oder unterwegs?
Egal.
Was ist Ihr Lieblingsbuch aus der Kindheit?
Die rote Zora natürlich.
Eine Stadt, die Sie inspiriert?
Paris oder Marseille.
Lieblingswort beim Schreiben?
Oh Gott. Äh, Kaffee.
Ein Genre, welches Sie nie schreiben würden?
Science Fiction.
Wenn Sie sich selbst als literarische Figur in einem fremden Roman vorstellen müssten – in welchem Genre würden Sie auftauchen?
In einem feministischen Roman aus dem 19. Jahrhundert.
Welche Rolle würden Sie spielen?
Naja, die Revoluzzerin natürlich.
Welcher Aspekt Ihrer Identität – Nationalität, Sprache, Herkunft, Bildung – empfinden Sie heute als am «lautesten» beim Schreiben?
Es kommt auf das Thema an. Wenn ich in Deutschland sitze und ein Buch schreibe, welches in der Schweiz spielt, dann kommt das «Schwiizerli» schon sehr stark zum Vorschein. Spannend ist dann die Sicht von aussen. Aber eine Schweizer Identität, die auch immer eine halbe italienische Identität ist. Je nach Ort. Ich habe vier Bücher geschrieben, die in den USA spielen. Und obwohl ich die USA gut kenne, schreibe ich dort aus einer europäischen Sicht. Letzten Endes bin ich aber immer als Frau unterwegs. Ich habe viele Identitäten, doch weil ich noch aus der alten feministischen Generation komme, ist die zentrale immer die Frau. Auch beim Mare-Verlag lag meine Rolle immer darin, Frauenthemen, Frauenaspekte und Frauensprache in die Redaktion hineinzubringen. Das drang dann so in mich ein.
Gibt es denn ein Thema, das Sie persönlich sehr interessiert, aber das Sie sich noch nicht zu schreiben «trauen» – sei es aus Respekt, Angst oder Zweifel?
Ich hätte schon Schwierigkeiten mit einem Thema, welches ich gar nicht kenne. Angefangen hat das, glaube ich, bei meinem allerersten Buch, Canitz’ Verlangen. Ich hatte den Auftrag von Mare ein Sachbuch über Wasserleichen zu schreiben. Die Recherche ging immer zurück auf Ophelia und Shakespeare und dann bemerkte ich plötzlich, dass männliche Autoren die weiblichen Heldinnen ins Wasser schickten. Meistens weil sie schwanger waren, unrein, und sich durchs Wasser wieder reinwaschen konnten. Ich hatte schon siebzig Seiten geschrieben und begann mich über die komischen Typen lustig zu machen, die immer diese Frauen wollten. Es gab ja um 1900 so einen Kult um Wasserleichen. Ich habe dann einer Frau erzählt, dass ich das schreibe und wie kompliziert es sei. Sie hat mich daraufhin richtig zusammengeschissen, denn sie wollte sich schon mal auf diese Art das Leben nehmen. «Was masst du dir an, du, die du nicht suizidal bist, über Suizid schreiben zu wollen.» Somit habe ich das Buch weggelegt. Nach einem halben Jahr habe ich es als Roman wieder aufgenommen. Dort hatte ich einen anderen Zugang, eine andere Perspektive und somit keine Hemmungen mehr. Der Vorwurf, den mir die Frau gemacht hat, war natürlich falsch. Selbstverständlich kannst du über Sachen schreiben, die du nicht bist. Genauso wie du selbstverständlich als Schauspieler:in Rollen spielen kannst, welche du nicht bist. Worüber darf ich schreiben und wo wird es heikel, das ist eine Gratwanderung.
Welche Rolle spielt Recherche in Ihrem Schreiben? Gibt es dabei einen Moment, an dem Sie sagen: «Jetzt reicht’s, jetzt schreibe ich»?
Ja, ich merke oft, dass zu tiefes Recherchieren bei einem Roman nicht gut ist, denn dann verliert man die Fantasie. Als ich die Novelle Gotthard schrieb, besuchte ich mit einem Kollegen, der Tunnelbauer ist, vier Tage lang die Szenerie. Ich wohnte zum Beispiel auf dem Campingplatz, auf dem auch mein Kollege wohnte, und da wohnte dann auch mein Protagonist. Wir waren in den Bordellen, wir haben uns alles angeschaut. Aber nur vier Tage. Wäre ich länger geblieben, wäre aus dem Roman eine Reportage geworden. Es gab aber während des Besuches verschiedene Momente, die es ins Buch geschafft haben. Zum Beispiel gab es einen Menschen, der die Züge fotografierte. Es war nur ein kurzer Augenblick, doch das Bild des Ausgangs vom Gotthardtunnel und der Typ, der dort stundenlang steht, bis der richtige Zug vorbeifährt, damit er die Lokomotive fotografieren kann. Der Protagonist wurde somit ein Zugfreak. Und um ihn richtig schreiben zu können, habe ich mich schon in die Szene hineingeworfen. Ich ging in den Märklinladen und habe mich darüber informiert, welche Spurbreite die tollste ist. Das gehört zur Recherche. Nach dem Schreiben vergesse ich es dann aber wieder. Man muss aufpassen, dass, wenn man zu viel weiss, sich nicht mehr getraut, frei zu schreiben. Bei einem Roman. Aber ich schreibe ja sehr viele verschiedene Textformen. Was mich im Moment gerade interessiert.
So eine Romanidee. Kommt zuerst eine Figur, ein historisches Ereignis oder eben ein bestimmtes Bild, wie das des Trainspotters?
Die Idee der Novelle zum Gotthard kam tatsächlich bei einer Lesung zum vorherigen Buch. Der Bauarbeiterfreund kam mit. Bart, tätowiert, krumme Beine, arbeitete vierzig Jahre im Stollen – eine Erscheinung. Nach der Lesung haben wir zusammen angestossen. Es waren alles so Germanistenleute, Kulturpublikum plus Rolf. Wir sassen also zusammen und Rolf hat von seinem Beruf erzählt. Alle haben ihm zugehört. Alle. Da dachte ich «Wie geil ist das denn. Ich schreibe einen Bauarbeiterroman.» Rolf kann es erzählen, aber nicht schreiben. Aber alle hatten Interesse an der Story, denn es ist etwas Rohes, Gewaltiges und niemand hat eine Ahnung davon. Kick-null. Es kann ganz etwas kleines sein, was mich dazu bewegt, einen Text zu verfassen. Bei der Marschallin war es anders. Ich hatte immer die Geschichte im Hinterkopf, dass meine Grosseltern dem Staatspräsidenten das Leben gerettet hatten und er sogar mal bei ihnen zuhause war. Da dachte ich, dass die ganze Weltgeschichte eine andere gewesen wäre, wenn nicht MEIN Grossvater IHM das Leben gerettet hätte. Die Geschichte entsprach am Schluss nicht mal der Wahrheit, aber von dieser ausgehend habe ich das ganze Buch aufgebaut. Es ist immer etwas, was mich anfixt, und dann ziehe ich los.
Wie sieht so ein Schreibprozess aus? Planen Sie viel oder schreiben Sie eher intuitiv?
Das Schreiben selber ist intuitiv, aber die Gesamtstruktur wird vorher geplant. Beim Gotthard wusste ich, wie das Ende sein wird, wohin es führt. Der Plot ist überlegt, aber der Weg dorthin sehr intuitiv. Was beim Schreiben ja so genial ist, ist, dass die Lebensfetzen wieder in den Sinn kommen, an die du Jahre nicht gedacht hast. Das war bei Seinetwegen sehr krass. Du schreibst und plötzlich kommt dir etwas in den Sinn und es passt genau dort rein. Das hat etwas mit den Gehirnhälften zu tun. Durch den tranceähnlichen Zustand, in dem man sich während des Schreibens befinden kann, kommen die Bilder von ganz tief an die Oberfläche.
Wie läuft ein idealer Schreibtag bei Ihnen ab?
Wenn ich zwei Stunden schreibe, ist das viel. Am Morgen gehe ich mit den Hunden raus, mach eine kleine Runde. Und wenn ich mich dann hinsetze und zwei Stunden schreibe, ist das super. Wenn ich das nicht mache, weil ein Telefon ansteht oder irgendetwas sonst ist, dann wird es echt schwierig, im Verlauf vom Tag noch einzusteigen. Dann lasse ich es bleiben und habe schlechte Laune. Natürlich ist das nur im Kopf und ich kann mich auch am Abend mal hinsetzen. Aber ich finde es schön, am Morgen zu schreiben und am Nachmittag oder Abend höchstens überarbeiten. Aber dann mache ich fünf Tage nichts und habe noch ein schlechteres Gewissen, dann reisse ich mich zusammen und sobald ich eine Deadline erhalte, geht es sowieso.
