Die Ge­setzt­heit der Dinge.
Mi­chael Fehrs Er­zähl­band «Glanz und Schat­ten»

Sprach­li­cher Re­duk­tio­nis­mus ist Pro­gramm beim Ber­ner Schrift­stel­ler Mi­chael Fehr: In sei­nem zu­letzt er­schie­ne­nen, viel be­ach­te­ten und mit dem Ke­lag-Preis aus­ge­zeich­ne­ten Pro­sa­text «Si­me­li­berg» (2015) ver­dich­tete er knappe Halb­zeiler zu ei­nem vir­tuo­sen Kri­mi­nal­ro­man. Mit dem so­eben er­schie­ne­nen Er­zähl­band «Glanz und Schat­ten» prä­sen­tiert Fehr nun ei­nen Aus­zug sei­nes krea­ti­ven Schaf­fens der letz­ten fünf Jahre – dem li­te­ra­ri­schen Mi­ni­ma­lis­mus ist er da­bei treu ge­blie­ben. In nur we­ni­gen Stri­chen und Wor­ten skiz­ziert Fehr das Set­ting, das Um­feld, in wel­chem sich die Fi­gu­ren sei­ner Kurz­prosa be­we­gen –  nicht sel­ten eine et­was ar­chai­sch an­mu­tende Er­zähl­welt: «Es war Som­mer­zeit / und er hatte keine Frau / es war Som­mer / und er war ohne Frau / er hatte ein Häus­lein am Strome / es wurde Win­ter und wie­der Som­mer / er hatte ein Häus­lein am Strome und war ohne Frau».

Fehr ver­wei­gert sich da­bei sprach­li­cher Opu­lenz: Das ver­wen­dete Vo­ka­bu­lar ist be­schei­den, die For­mu­lie­run­gen kon­zise. Nicht zu­letzt diese er­zäh­le­ri­sche Öko­no­mie ist es, die den ins­ge­samt 18 Er­zäh­lun­gen ei­nen ein­fa­chen, un­ge­küns­tel­ten An­strich ver­leiht und da­bei nicht sel­ten die fa­bel­hafte, ex­em­pla­ri­sche Welt der Mär­chen evo­ziert. Die Mo­ral am Schluss sucht der Le­ser je­doch ver­ge­bens: Das bru­tale Aus­wei­den ei­nes Reb­huhns; die List ei­ner Schlange, die ei­nen al­ten Mann mit ih­rem töd­li­chen Biss zu Nah­rung ma­chen wollte oder der Ver­zehr ei­nes bei le­ben­di­gem Leib ge­koch­ten Tiers – die Ge­schich­ten ha­ben kein Nach­spiel, keine Kon­se­quen­zen. Der Er­zäh­ler wer­tet nicht, die Ge­walt der Fi­gu­ren bleibt un­kom­men­tiert. Mit Ab­sicht?

So wie sich die Wort­set­zung Mi­chael Fehrs ge­gen jede Fes­ti­gung sperrt, ohne Gren­zen, Punkte oder Kom­mata aus­kommt, es also auch nicht die eine Les­art ge­ben kann, so of­fen blei­ben letzt­lich auch die Texte. Oft­mals en­den sie, wie sie be­gon­nen ha­ben, Worte und ganze Zei­len wie­der­ho­len sich, Spra­che und In­halt wer­den red­un­dant. Etwa in der Ge­schichte vom al­ten Mann, der von ei­nem Schwarm Mü­cken be­läs­tigt wird: «Was bleibt ihm / manch­mal ruft er / ‹Ge­rech­tig­keit› / in die Dun­kel­heit / ‹Ehre / Red­lich­keit›». Die Worte blei­ben je­doch wir­kungs­los, die Mü­cken ste­chen wei­ter. Fehrs Er­zäh­lun­gen be­schwö­ren da­mit ei­nen Fa­ta­lis­mus, eine Ge­setzt­heit der Dinge, de­ren Ord­nung un­ver­än­der­bar scheint.

So ge­fan­gen aber die Fi­gu­ren letzt­lich in ih­rem Da­sein wir­ken mö­gen, Fehrs ly­ri­sche Prosa ent­fal­tet sich der­weil völ­lig zwang­los und kon­ter­ka­riert da­durch ge­ra­dezu die Ab­so­lut­heit sei­nes Welt­ent­wurfs. Fin­det der Aus­bruch aus dem Re­gel­werk des mensch­li­chen Le­bens also in der Spra­che statt? «was ich staune / als ich dro­ben den Dunst leer finde / lee­rer als leer / finde Rech­ner / Schrei­ber / an­dere Ap­pa­rate / an­de­res Ab­ar­ti­ges / ver­irrte Men­schen / ver­wirrte / die nicht wis­sen / was sie tun / noch weiss ich / was ich tun soll», heisst es in der Er­zäh­lung «Der Er­obe­rer und der Em­peror». Die kur­zen, sich stän­dig wie­der­auf­grei­fen­den und um­for­mu­lie­ren­den Zei­len zei­gen auf, was hin­ter dem sti­lis­ti­schen Mi­ni­ma­lis­mus des Ber­ner Au­tors steht: Wie­der­ge­ge­ben wird eine Spra­che, die stets im Ent­ste­hen be­grif­fen ist. Die Er­zäh­lun­gen Fehrs ver­su­chen sich an ei­nem Spiel mit dem ro­hen Sprach­ma­te­rial. Und die Re­geln für das For­men des sprach­li­chen Roh­stof­fes wer­den lau­fend neu ent­wor­fen. Da­bei wer­den gän­gige Kon­ven­tio­nen ein­mal mehr un­ter­wan­dert, die Gren­zen zwi­schen Ly­rik und Prosa ver­schwim­men und Ver­glei­che zu an­de­ren Kurz­prosa-Au­to­ren müs­sen ein­fach schei­tern, wenn man sich Fehrs bei­spiel­lo­ser Spra­che an­nä­hern will. Dies nicht zu­letzt, wenn man das Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren des Er­zäh­lers mit­be­denkt: Fehrs Worte exis­tie­ren zu­nächst im­mer nur als flüch­tige Äus­se­run­gen, auf­ge­zeich­net und ver­schrift­licht wer­den sie von ei­ner spe­zi­el­len Soft­ware. Diese wun­der­bar ver­que­ren Er­zäh­lun­gen sollte man sich da­her am bes­ten in ih­rer ur­sprüng­li­chen, münd­li­chen Form zu Ge­müte füh­ren –  beim lau­ten Le­sen.


Mi­chael Fehr: Glanz und Schat­ten. Er­zäh­lun­gen. 144 Sei­ten. Lu­zern: Der ge­sunde Men­schen­ver­sand 2017. 25 CHF.
Die Bucht­aufe fin­det am 29. März im PROGR Bern statt. Am 2. April liest und mu­si­ziert Mi­chael Fehr im Zür­cher Kauf­leu­ten.