«Au­then­ti­sch» ist das fal­sche Wort.
Flu­rin Je­cker über sei­nen De­büt­ro­man «Lanz»

Flu­rin Je­ckers Ado­les­zenz­ro­man «Lanz» gilt jetzt schon als ei­nes der meist­ver­spre­chen­den Schwei­zer De­büts 2017. Das Schwei­zer Buch­jahr sprach mit dem 26jäh­ri­gen Ber­ner über Au­then­ti­zi­tät, Ado­les­zenz und Me­di­en­ge­brauch.

Flu­rin, warum ist Ado­les­zenz ein span­nen­des Thema?

Das habe ich mich auch ab und zu ge­fragt, also: Wieso ich ein Buch schreibe über ei­nen 14jäh­ri­gen. Und ei­ner der Gründe ist, dass dies das Al­ter ist, in dem man nicht nur ein­fach in ei­nem Zwi­schen­raum ist, son­dern in ihn hin­ein­stürzt. Und dass man die­ses Stür­zen in je­dem Al­ter im­mer wie­der er­fährt, dass man im­mer wie­der nir­gends ist. Und das finde ich be­ängs­ti­gend, exis­ten­ti­ell be­ängs­ti­gend, wenn man zwar da ist, aber zu­gleich merkt, dass man jeg­li­che Ver­bin­dung ver­lo­ren hat. Das Schlimme an dem Al­ter ist ja eben auch, dass ein 14jäh­ri­ger ge­gen die­sen Zu­stand fast nichts un­ter­neh­men kann, da er in all die­sen Zwän­gen drin­steckt. Er muss in die Schule, er muss bei den El­tern woh­nen. Der hat diese gan­zen Über­gangsphä­no­mene schon, ohne dass er selbst daran ar­bei­ten kann. Mit 16 kann man sich aus vie­len Sze­na­rien schon her­aus­kämp­fen. Mit 14 ist man wehr­los.

Zum Au­tor

Flu­rin Je­cker, 1990 in Bern ge­bo­ren, stu­dierte Bio­lo­gie, be­vor er 2013 das Stu­dium in Li­te­ra­ri­schem Schrei­ben am Schwei­ze­ri­schen Li­te­ra­tur­in­sti­tut in Biel be­gann. Be­kannt­heit er­langte er nicht zu­letzt durch das von ihm be­trie­bene Blog. «Lanz» ist sein ers­ter Ro­man. Je­cker ar­bei­tet zur Zeit als selb­stän­di­ger Jour­na­list beim «Bund» und als Ve­lo­ku­rier.

Hat ein 14jäh­ri­ger ein stär­ke­res Be­wusst­sein von die­ser Ort­lo­sig­keit als, bei­spiels­weise, ein 26jäh­ri­ger?

Er durch­lebt diese Ort­lo­sig­keit die ganze Zeit, aber ich würde nicht sa­gen, dass er sie be­wuss­ter durch­lebt. Mit 14 wird man sich des Zu­stands ver­mut­lich erst­mals be­wusst, aber wenn man eine Sa­che zum ers­ten Mal be­wusst er­lebt, dann kann man sie auch noch nicht ganz fas­sen. Ich be­greife die Dinge ei­gent­lich erst im­mer, wenn ich zum zwei­ten Mal die glei­che Er­kennt­nis ge­habt habe. Lanz ist an dem Punkt an­ge­langt, an dem er ganz viele Er­kennt­nisse zum al­ler­ers­ten Mal hat, und ver­mag sie des­we­gen auch noch nicht rich­tig ein­zu­ord­nen.

Ist das dann noch «au­then­ti­sch» er­zählt, wenn man mit 26 die Welt ei­nes 14jäh­ri­gen zu er­schrei­ben ver­sucht?

Das müsste man na­tür­lich die 14jäh­ri­gen selbst fra­gen – also, ob das auf die au­then­ti­sch wirkt. Ent­schei­dend war für mich, dass die Er­fah­run­gen der Fi­gur, in dem Mo­ment, in dem ich das Buch ge­schrie­ben habe, tat­säch­lich auch neu wa­ren. Sonst hätte ich das gar nicht ge­schrie­ben. Das ist kein Text, den man vor­her noch ein­mal im Kopf durch­geht, den man eben «noch ein­mal» schrei­ben könnte. «Au­then­ti­sch» ist ver­mut­lich das fal­sche Wort, «wahr­haf­tig» trifft es bes­ser.

Aber ist der Blick, den man auf die Ado­les­zenz wirft, nicht not­ge­drun­gen ein ver­zerr­ter Blick?

Na­tür­lich ist das ein ver­zerr­ter Blick, des­we­gen habe ich mich auch ganz be­wusst nicht mit den 14jäh­ri­gen aus­ein­an­der­ge­setzt, re­cher­chiert oder mir gar ab­ge­schaut, wie die re­den. Die Spra­che im Buch ist ja nicht die Spra­che heu­ti­ger 14jäh­ri­ger. Des­we­gen ist das na­tür­lich ver­zerrt und künst­lich. Wich­tig war mir nur, dass es vom Ge­fühl her der Text ei­nes 14jäh­ri­gen für mich sein mus­ste. Ich habe aber noch nie mit ei­nem 14jäh­ri­gen ge­spro­chen, der das Buch ge­le­sen hatte, das würde mich schon in­ter­es­sie­ren, ob er dem Lanz seine Ge­schichte ab­nimmt.

Es geht also um Rol­len­prosa und nicht um Au­then­ti­zi­tät?

In ei­ner Re­zen­sion stand, dass es ir­gendwo doch spür­bar wäre, dass das Buch ein Er­wach­se­ner ge­schrie­ben habe. Ja, hof­fent­lich!

Gibt es denn so et­was wie eine Lust an li­te­ra­ri­scher Re­gres­sion? Im­mer­hin setzt man das ei­gene Er­zäh­len da­mit ei­ner Viel­zahl an Ein­schrän­kun­gen aus, denn so viele Lö­sungs­op­tio­nen ha­ben die Ado­les­zen­ten ja eben noch nicht.

Sprach­lich vor al­lem. Diese Lanz-Spra­che tönt jetzt im Nach­gang so leicht­füs­sig, aber tat­säch­lich war das ex­trem müh­sam. Für mich gab es vor al­lem diese Lust am Über­ra­schungs­mo­ment: Eine Fi­gur, die von An­fang an eine Stufe un­ter dem Le­ser si­tu­iert ist und ge­rade des­we­gen das Po­ten­zial hat, den Le­ser in be­stimm­ten Ge­dan­ken zu über­ho­len – das kann ein sehr star­kes Stil­mit­tel sein. Das hat mich ge­reizt. Auch der Um­gang mit dem Kli­schee. Der Text ver­läuft ja häu­fig sehr «kli­schiert» und dann gibt es eben doch im­mer wie­der plötz­lich eine scharfe Kurve, kurz be­vor Lanz beim Kli­schee an­kommt. Aus der Er­war­tung des Kli­schees kann man sehr gut über­ra­schen.

Kom­men wir noch­mals zur Spra­che: Das ist schon eine Kunst­spra­che, oder?

Ab­so­lut. So spricht und schreibt ja nie­mand. Diese Spra­che ist in ganz vie­len klei­nen Schrit­ten ent­stan­den, aber nicht aus der Be­ob­ach­tung her­aus, son­dern aus ih­rer ei­ge­nen Lo­gik.

Das Buch in­sze­niert sich ja als ein Blog, also als ein an­de­res Me­dium. Was steckt hin­ter die­sem Ma­nö­ver?

Ich habe mich ja im­mer sehr ge­wun­dert, warum es nicht viel mehr Ro­mane gibt, in de­nen Blogs vor­kom­men. Im Grunde ist es ja ein Ta­ge­buch-Ro­man, mit dem ent­schei­den­den Un­ter­schied, dass Lanz grund­sätz­lich all das, was er auf­schreibt, je­man­dem mit­tei­len möchte – das ist ja die ex­pli­zite Funk­tion ei­nes Blogs. In­so­fern ist das ja auch ein Zwi­schen­me­dium: Das öf­fent­li­che In­time. Mit der fei­nen Ein­schrän­kung, dass Lanz sein Blog ja eben ge­rade nicht ver­öf­fent­li­chen möchte. Und das kenn­zeich­net ja auch seine ge­samte Er­zähl­si­tua­tion – alle Per­so­nen, mit de­nen er zu tun hat, wis­sen ja nichts von ihm, bis zum Schluss. Nur der Le­ser weiss al­les. Und diese Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tion tei­len ja viele Men­schen, Ju­gend­li­che al­ler­dings in ex­tre­mem Masse. Wenn man die über­all mit ih­ren Na­tels sieht, dann se­hen 50- oder 60jäh­rige in der Re­gel nicht, was da da­hin­ter­steckt, son­dern hal­ten das für Kul­tur­ver­fall. Tat­säch­lich ist das aber eine sehr kom­plexe Ge­schichte, denn Ju­gend­li­che, die al­les Mög­li­che von sich auf Face­book pos­ten, weh­ren sich zu­gleich sehr hef­tig da­ge­gen, ihre in­nere Welt nach aus­sen zu keh­ren.

Im Buch ist es der Leh­rer, der ge­nau das an­pran­gert, die Sel­fie-Kul­tur, die sich mit der Wei­ge­rung kreuzt, sich öf­fent­lich aus­zu­spre­chen…

In dem an­ge­spro­che­nen Dia­log gibt es ja ein kul­tu­rel­les Miss­ver­ständ­nis. Der Leh­rer hat na­tür­lich ei­ner­seits recht, wenn er es nicht be­greift, dass die Schü­ler ihre Be­reit­schaft, on­line zu kom­mu­ni­zie­ren, so­fort ein­stel­len, so­bald das im schu­li­schen Rah­men er­folgt. An­de­rer­seits kann es Lanz nicht ein­mal an­satz­weise ver­ste­hen, wie je­mand da­von aus­ge­hen kann, dass das Pos­ten ei­nes Sel­fies das­selbe sei wie dar­über zu schrei­ben, dass man mit 14 noch Jung­frau sei. Und das ist ein Miss­ver­ständ­nis, das viel­leicht tri­vial ist, aber in der heu­ti­gen Zeit sehr be­deut­sam. Viel­leicht ist das in zehn oder zwan­zig Jah­ren ver­schwun­den. Aber heute le­ben wir im­mer noch mit dem Vor­ur­teil, Ju­gend­li­che hät­ten keine Pri­vat­sphäre mehr. In Wahr­heit ha­ben die nur eine an­dere Sen­si­bi­li­tät da­für.

Du hast ja auch selbst (und das nicht un­be­merkt) ein Blog be­trie­ben, aber wenn wir das rich­tig se­hen, ist der nicht mehr on­line.

Das Blog ist lang­sam ge­stor­ben. Vom Netz ist er nicht, ich habe ja noch meine Seite. Aber ich habe vor al­lem vor 5, 6 Jah­ren viel ge­b­loggt, seit 4 Jah­ren fast gar nicht mehr. In­so­fern ist das Blog sehr ver­al­tet. Als Schreib­form finde ich das nach wie vor sehr in­ter­es­sant, ins­be­son­dere im es­say­is­ti­schen Sinn, ich finde, Blogs wer­den von Pri­vat­leu­ten im­mer noch zu we­nig ein­ge­setzt, ob­wohl das so ein­fach wäre. Ich habe mit 19, 20 ein paar Blogs ge­schrie­ben, die ins­ge­samt 50 000­mal ge­le­sen, und Vi­deo­blogs ge­macht, die über 100 000­mal an­ge­schaut wur­den, nur weil meine Mei­nung eben den Zeit­geist traf – das ist völ­lig ab­surd. Vor 30 Jah­ren wär so et­was un­denk­bar ge­we­sen. In li­te­ra­ri­scher Hin­sicht er­scheint mir es al­ler­dings fast un­mög­lich, auf Blogs zu­rück­zu­grei­fen. Nie könnte ich li­te­ra­ri­sche Texte in ei­nem Blog ver­öf­fent­li­chen. Li­te­ra­ri­sches Schrei­ben braucht das Ge­gen­teil: Ruhe, keine Kom­men­tare, keine Be­wer­tun­gen.

Nun ist «Lanz», wie wir vor­hin schon dis­ku­tiert ha­ben,  ja aber eben auch kein «ech­tes» Blog, das im Netz ein­seh­bar ist, son­dern ein un­ver­öf­fent­lich­tes Blog, das zwi­schen zwei Buch­de­ckel ge­presst wurde…

Ja, des­we­gen hatte ich wäh­rend dem Schrei­ben auch im­mer die Mög­lich­keit im Kopf, dass Lanz dann doch auf ein­mal das Blog on­line schal­tet. Und er dann Re­ak­tio­nen be­kommt. Sa­muel Mo­ser, der grosse Bie­ler Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, hat dazu ge­meint, dass er das für den zen­tra­len As­pekt des Bu­ches hält: Das Sich-Sträu­ben des Schrift­stel­lers vor der Ver­öf­fent­li­chung.

Nun ist Lanz auch ge­nau das Ge­gen­teil ei­nes «homme lit­tér­aire», den Mah­nun­gen sei­ner Mut­ter, auf Rei­sen ein Buch mit­zu­neh­men, hält er ent­ge­gen, «dass ich eh nie im Le­ben le­sen würde und darum auch kein scheiss Buch brauch[]e». Die Li­te­ra­tur be­wegt sich also auf ei­nem Ter­rain, auf dem sie be­deu­tungs­los zu sein scheint. Ist «Lanz» ein eth­no­lo­gi­sches Ex­pe­ri­ment?

Lanz’ Schreib­pro­zess ist kein li­te­ra­ri­scher Pro­zess. Darum ist es auch wich­tig, dass man merkt, dass nicht er das Buch ge­schrie­ben hat, son­dern ein Au­tor, man also den li­te­ra­ri­schen Pro­zess da­hin­ter wahr­nimmt.

Du hast vor­hin be­reits das Pro­blem des Kli­schees an­ge­spro­chen: Muss Li­te­ra­tur denn in ei­nem a-li­te­ra­ri­schen Ge­biet nicht au­to­ma­ti­sch kli­schee­haft wer­den.

Das In­ter­es­sante ist doch: Ich hasse Kli­schees, je­der, der sich mit et­was wirk­lich aus­ein­an­der­setzt, hasst Kli­schees. Aber da kommt so ein Junge, der ir­gend­wie in ein Mäd­chen ver­liebt ist und dann kommt noch der ver­hasste Leh­rer hinzu – al­les Kli­schee. Und dann habe ich mich schon ge­fragt, wie ich ei­gent­lich so et­was ver­öf­fent­li­chen kann. Und das kommt da­her, weil ich eben die Ruhe hatte, das Kli­schee un­kom­men­tiert aus­zu­hal­ten und zu ak­zep­tie­ren, dass das eben zu die­ser Ge­schichte ge­hört. So wie un­ser Le­ben ja auch kli­schee­be­haf­tet ist.

Ist die Ent­schei­dung für ei­nen ju­gend­li­chen Prot­ago­nis­ten denn im­mer auch schon eine Ent­schei­dung für ein be­stimm­tes Genre – Stich­wort: «Co­m­ing of Age»?

Nein. Ich habe nicht ein­mal den Vor­satz ge­habt, un­be­dingt ei­nen 14jäh­ri­gen Prot­ago­nis­ten zu ha­ben, das er­gab sich eher aus der Ent­schei­dung für eine be­stimmte Sprach­lich­keit. Mit der Ent­schei­dung für die Spra­che war klar, das ist ein Junge, der so 13, 14 ist und ex­trem viel zu er­zäh­len hat. Und dann wird es na­tür­lich doch schnell ein «Co­m­ing of Age»-Roman.

Hat­test Du denn die Gen­re­tra­di­tion im Blick?

Ich habe mich dann in der Tat gut im Genre um­ge­se­hen. Ge­le­sen habe ich z.B. An­to­nia Baums Ich wuchs auf ei­nem Schrott­platz auf, wo ich lernte, mich von Rad­kap­pen und Stoß­stan­gen zu er­näh­ren – gross­ar­ti­ges Buch –, Sa­lin­ger na­tür­lich, Tschick bzw. so­wieso al­les von Herrn­dorf, Crazy von Le­bert, The perks of being a wall­flower von Ste­phen Ch­bo­sky. Aber die meis­ten erst, nach­dem ich mit dem Schrei­ben be­gon­nen hatte, da hat mich das al­les dann sehr in­ter­es­siert. Es hat in der Tat sehr viele gute Bü­cher in dem Genre.

Die Frage, an der sich sol­che Gen­re­zu­ord­nun­gen ja meist ent­schei­den, ist die nach dem Ziel­pu­bli­kum. Wel­chen Le­ser hat Dein Ro­man denn vor Au­gen?

Gute Frage, denn man hat es da ja mit ei­ner Dop­pel­per­spek­tive zu tun: Lanz sel­ber hat ja auch ei­nen Le­ser vor Au­gen. Aber: Ganz klar ist da ein er­wach­se­nes Pu­bli­kum adres­siert. Ein Pu­bli­kum, das auch deut­lich äl­ter ist als ich.

Also ei­nem 14jäh­ri­gen wür­dest Du das Buch nicht ohne Wei­te­res in die Hand drü­cken?

Nein, weil die Span­nung tat­säch­lich da­her kommt, dass der Le­ser äl­ter ist als die Er­zähl­fi­gur. Nicht, dass ein 14jäh­ri­ger das nicht le­sen kann. Doch geht dann wohl ein biss­chen was ver­lo­ren.

Das Ge­spräch führ­ten Me­ret Men­de­lin und Phil­ipp Thei­sohn.


Flu­rin Je­cker: Lanz. 128 S. Zü­rich: Na­gel & Kim­che 2017. ca. 26 CHF.