Buch­pre­miere
Ju­lia We­ber: «Im­mer ist al­les schön»

Im­mer ist al­les schön in der Welt von Anais. Ver­däch­tig oft fal­len die Worte «gut» und «schön» im De­büt­ro­man von Ju­lia We­ber, den sie am ver­gan­ge­nen Mon­tag im Zür­cher Kul­tur­lo­kal sphè­res prä­sen­tierte. Er­zählt wird von Anais, die mit ih­rem jün­ge­ren Bru­der Bruno und ih­rer Mut­ter Ma­ria in ei­ner klei­nen Woh­nung lebt, die nicht nur Anais‘ Schul­freund Pe­ter nicht nor­mal fin­det. Die mit dem lee­ren Vo­gel­kä­fig, dem aus­ge­stopf­ten Fuchs, den Fä­den an der Lampe (um den Kopf nicht zu ver­ges­sen), dem Stück Tau an der Wand und dem gol­de­nen Bett der Mut­ter für Anais ein Ort des Rück­zugs ist – und zu­gleich zum Ge­fäng­nis zu wer­den droht.

Auch im sphè­res sit­zen an die­sem Abend zwei kleine Kin­der, ein Junge und ein Mäd­chen, auf der Treppe zur Bühne und hö­ren zu. Im­mer wie­der dre­hen sie sich zum Pu­bli­kum um und ver­su­chen, in den Ge­sich­tern der Zu­hö­rer die Re­ak­tio­nen auf das Vor­ge­tra­gene ab­zu­le­sen. Das Mäd­chen ist die Toch­ter von Ju­lia We­ber.

Durch Anais’ Au­gen er­hal­ten wir Ein­blick in ein Le­ben, das die Mut­ter «eine Wucht» nennt, in dem Dinge, Ge­sich­ter und Men­schen weich oder hart sind, in dem Schwei­gen laut sein kann und Glück hör­bar. Die Spra­che, de­rer sich Ju­lia We­ber be­dient, ist die Spra­che ei­nes Kin­des das seine Welt pri­mär sinn­lich wahr­nimmt. Ihre Sätze sind ein­fach und re­pe­ti­tiv, er­hal­ten aber eine ei­gen­ar­tige Schwere in ih­rer rhyth­mi­schen Gleich­mäs­sig­keit. An die­sem Abend be­ginnt Ju­lia We­ber mit Pas­sa­gen, in de­nen die Mut­ter Wein trinkt und mit frem­den Män­nern tanzt, wor­auf­hin Anais sich wie­der ein­mal denkt, «dass Mut­ter zu gross, zu blond und zu le­ben­dig ist». Da wünscht sich die der al­ko­hol­kran­ken Mut­ter sonst fast co-ab­hän­gig er­ge­bene Toch­ter dann doch eine Durch­schnitts­mut­ter «mit mat­tem Haar, zer­knit­ter­ter Schürze, sanf­ten, mü­den Au­gen.»

Das Ge­spräch mit Ju­lia We­bers Ver­le­ger Er­win Künzli vom Lim­mat Ver­lag will nicht gleich an ins Rol­len kom­men. Vie­les sei in­tui­tiv ge­we­sen, er­klärt Ju­lia We­ber, so sei ihr zum Bei­spiel erst durch die Re­ak­tion des Pu­bli­kums beim Le­sen ei­ner Stelle auf­ge­fal­len, dass be­stimmte Re­kur­ren­zen wit­zig oder dop­pel­sin­nig seien. Die Er­zäh­lun­gen von Anais, die durch zwei Rück­blen­den-Ka­pi­tel aus der Per­spek­tive der Mut­ter er­gänzt wer­den, kom­men je­weils als Be­wusst­seins­strom da­her, in dem sich Er­leb­tes und Ge­sag­tes mit Ge­dach­tem und Vor­ge­stell­tem ver­mischt.

So liess Ju­lia We­ber wei­ter ihr Buch spre­chen, las von der Mut­ter, die mor­gens nach Rauch, Al­ko­hol und frem­den Män­nern riecht. Ge­fahr und Ret­tung zu­gleich ver­spricht der «Riese», der in re­gel­mäs­si­gen Ab­stän­den in der Woh­nung von Bruno und Anais auf­taucht, Fra­gen stellt und zu­neh­mend sor­gen­voll seine Be­ob­ach­tun­gen no­tiert. Das Ver­trauen der Kin­der ge­winnt der So­zi­al­ar­bei­ter trotz al­ler Be­mü­hun­gen nicht und ver­wan­delt sich in den Vor­stel­lun­gen Anais’ schon mal in ei­nen Tisch.

Im­mer häu­fi­ger er­zählt Anais von ih­ren Mit­men­schen, nach­dem sie die Tür zu ih­rer Woh­nung und ihr Blick­feld ver­las­sen ha­ben. In ih­ren Fan­ta­sien zer­flies­sen und zer­brö­seln diese Kör­per, quel­len auf oder wer­den taub ob der Lü­gen, die sie in sich tra­gen. Vor der Rea­li­tät, in der doch ei­gent­lich im­mer al­les gut sein soll, in der aber vor al­lem die De­pres­sion und Al­ko­hol­ab­hän­gig­keit der Mut­ter im­mer of­fen­sicht­li­cher wer­den, ret­tet sich Anais zu­neh­mend in ihre ei­ge­nen Ge­schich­ten. In die­sem Ver­fah­ren sieht Er­win Künzli eine li­te­ra­ri­sche Re­fle­xion, in der Anais selbst be­ginnt Li­te­ra­tur zu schrei­ben.

In der letz­ten Pas­sage, die Ju­lia We­ber liest, ist es frü­her Mor­gen. Bruno und Anais be­fin­den sich al­leine in der Woh­nung. Sie­ben Mal war­ten sie dar­auf, dass die Mut­ter die Tür auf­macht und ih­ren Fo­rel­len­man­tel ab­legt. Doch je­des Mal ge­hö­ren die Schritte im In­nen­hof ei­ner an­de­ren Frau, das Klim­pern der Schlüs­sel an­de­ren Hän­den. Und als die Au­to­rin mit dem Satz ih­rer jun­gen Prot­ago­nis­tin schliesst: «Ich sage nichts über mein Ge­fühl, nichts da­von, dass ich ihn (Bruno) brau­che, so wie er ist, da­mit er mit mir an die Welt glaubt, die wir ha­ben wer­den», dreht sich das Mäd­chen auf der Treppe zum Pu­bli­kum um, ver­zieht das Ge­sicht und be­ginnt zu wei­nen. Ihr Va­ter nimmt sie dar­auf auf den Arm und ver­lässt das Lo­kal. Ju­lia We­ber ist sicht­lich be­rührt: «Es ist doch al­les nur er­fun­den, mein Schatz», flüs­tert sie ins Mi­kro­fon.

Im­mer ist al­les schön in der Welt von Anais, auch wenn schon lange klar ist, dass «schön» nur noch eine Wort­hülse ist und «gut» le­dig­lich ein An­re­den ge­gen die Rea­li­tät, in der Kin­der ihre Mut­ter ret­ten wol­len. Fik­tion tritt dann an die Stelle der Ohn­macht und wird zum stum­men Hil­fe­schrei der Kin­der. Das ist an­rüh­rend und nur sel­ten an der Grenze zur Sen­ti­men­ta­li­tät er­zählt. So hat an die­sem Abend mit Ju­lia We­ber eine neue Stimme in der Deutsch­schwei­zer Li­te­ra­tur die Bühne be­tre­ten, auf de­ren nächste Ge­schichte wohl nicht nur die ei­gene Toch­ter war­tet.


Ju­lia We­ber: Im­mer ist al­les schön. 256 S. Zü­rich: Lim­mat­ver­lag 2017. ca. 28,- CHF.