«Un éclair… puis la nuit!»
In «Ha­g­ard» führt Lu­kas Bär­fuss seine Poe­tik der dop­pel­ten Buch­füh­rung erst­mals zur Per­fek­tion

Epi­sche Breite ist Lu­kas Bär­fussʼ Sa­che nicht. Das zeigte sich be­reits 2002, als der ge­fei­erte Dra­ma­ti­ker mit der No­velle Die to­ten Män­ner im Pro­sa­f­ach de­bü­tierte. Aber auch die stoff­lich weit aus­grei­fen­den Er­folgs­ro­mane Hun­dert Tage und Koala ka­men mit kaum 200 Sei­ten aus. Der lang er­war­tete, noch ein­mal deut­lich kür­zer aus­fal­lende neue Ro­man Ha­g­ard setzt nun aber­mals auf er­zäh­le­ri­sche Un­tie­fen an­stelle epi­scher Breite. Kaum eine Nacht und ein Tag auf den Spu­ren ei­nes spon­tan zum Stal­ker mu­tie­ren­den Je­der­manns ge­nü­gen Bär­fuss, um auf engs­tem Raum ei­nen Ab­grund zu er­öff­nen, der nicht nur die Haupt­fi­gur, son­dern auch ih­ren Er­zäh­ler ins – poe­ti­sch hoch­pro­duk­tive – Ver­der­ben reisst. Wie schon seine er­folg­rei­chen, aber durch­aus zwie­späl­tig auf­ge­nom­me­nen Vor­gän­ger er­weist sich Ha­g­ard da­mit als klug kon­stru­ierte Falle, die Bär­fussʼ Le­se­rin­nen und Le­ser im wört­li­chen Sinne nicht un­be­rührt lässt.

Den Bau­plan die­ser Falle hat Bär­fuss be­reits drei­fach er­probt, führt ihn in Ha­g­ard je­doch erst­mals zu er­zäh­le­ri­scher Per­fek­tion. Das Grund­mus­ter be­steht je­weils in ei­ner dop­pel­ten Buch­füh­rung des Er­zäh­lens: Ne­ben ih­ren spek­ta­ku­lä­ren Su­jets vom un­ge­klär­ten To­des­fall in den Al­pen über den Ge­no­zid in Ru­anda bis zum Sui­zid des Bru­ders er­zählt Bär­fussʼ Prosa im­mer auch vom ei­ge­nen Er­zäh­len, vom Rin­gen mit dem Stoff. Am of­fen­sicht­lichs­ten trat die­ser Grund­zug in den ex­zes­si­ven Ab­schwei­fun­gen des Koala-Er­zäh­lers zu­tage, doch lag be­reits die Pointe des viel­fach un­ter­schätz­ten De­büts darin, in der harm­lo­sen Plau­de­rei des Ich-Er­zäh­lers die Finte ei­nes viel­leicht schul­di­gen, in je­dem Fall ver­strick­ten Er­zäh­lers zu er­ken­nen. Die im Thea­ter schon län­ger durch­bro­chene vierte Wand, die Zu­schau­er­raum und Guck­kas­ten­bühne sau­ber trennt, ist da­mit auch in Ha­g­ard nicht zu ha­ben. Wo die Nach­hut des psy­cho­lo­gi­schen Rea­lis­mus noch im­mer den dis­kre­ten Voy­eu­ris­mus des per­so­na­len Er­zäh­lens pflegt, In­nen- und Aus­sen­per­spek­tive also schein­bar bruch­los ver­bin­det, legt Bär­fuss‘ Poe­tik den Fin­ger auf ge­nau diese un­ter­schla­ge­nen Brü­che: Wer er­zählt hier wem was – und warum?

Die­sem Mus­ter fol­gend wer­den auch in Ha­g­ard zwei Ge­schich­ten er­zählt. Die eine ist aber­mals spek­ta­ku­lär und klap­pen­text­taug­lich. Im Zür­cher Fei­er­abend­tru­bel hef­tet sich Philip, ein farb­lo­ser Lie­gen­schafts­ver­wal­ter, spon­tan an die Fer­sen ei­ner Pas­san­tin und folgt der bis zum Ende ge­sichts­los Blei­ben­den zur ih­rer Woh­nung in die ge­sichts­lose Vor­stadt. Als wolle er je­ner mo­der­nen Flüch­tig­keit, der Charles Bau­de­lai­res be­rühm­tes Gross­stadt-So­nett À une pas­sante be­reits 1855 ihr me­lan­cho­li­sches Denk­mal setzte, um je­den Preis ent­kom­men, bleibt Philip dran. Und geht drauf. Im Takt sei­nes schwin­den­den Han­dy­ak­kus durch­läuft der sonst so le­thar­gi­sche Ge­schäfts­mann in­mit­ten der Stadt ei­nen ra­san­ten Re­gress. Ohne Auto, Schuhe, Geld, Smart­phone und sons­tige Ver­bin­dun­gen zu sei­nem frü­he­ren Le­ben wird der von «Dä­mo­nen» Ge­trie­bene am Ende die­ses Pro­zes­ses auf ei­nem Vor­stadt­dach ste­hen. Und da­mit je­nen Na­men ver­dient ha­ben, der bis­lang nicht sein ei­ge­ner war. Starr und stier, ge­mäss dem fran­zö­si­schen «ha­g­ard», ist er sei­ner Beute ge­folgt, um «hag­gard», so das eng­li­sche Slang­wort für aus­ge­zehrt, wild oder fer­tig, zu en­den. Zum deut­schen «Hag­gard», ei­nem ver­ges­se­nen Be­griff aus der Falk­ner­spra­che für ei­nen Wild­fang im Al­ter­skleid, ist es von dort nicht mehr weit.

Aus die­sem No­vel­len­stoff – Boc­cac­cios Fal­ken­no­velle lässt grüs­sen – mit sei­nem un­er­klärt blei­ben­den Er­eig­nis wird nun un­ter den Hän­den des da­mit rin­gen­den Er­zäh­lers ein Ro­man. Das ist die zweite und wich­ti­gere Ge­schichte. De­ren Haupt­fi­gur ist nicht län­ger Philip, son­dern der Er­zäh­ler. Die­ser kann «das Rät­sel je­ner Bil­der nicht ent­schlüs­seln», fühlt sich von ih­nen «an den Rand des Wahn­sinns» ge­trie­ben und er­klärt den von Pau­sen, Deh­nun­gen und Re­fle­xio­nen un­ter­bro­che­nen Er­zähl­akt zum «al­ler­letz­ten Ver­such», end­lich das «Ge­heim­nis zu lüf­ten». Par­al­lel zu Philip, der bin­nen Stun­den zur dis­pla­ced per­son in der ei­ge­nen Stadt ver­kommt, wird sich da­bei auch der Er­zäh­ler zu­se­hends frem­der. Bo­ten ihm die vom Ver­schwin­den ei­ner Air Ma­lay­sia-Boe­ing und der Krim­krise über­schat­te­ten Er­eig­nisse des März 2014 zu­nächst noch ei­nen von iPhone-Zom­bies, rast­lo­sen Ex­pats und drö­gen Neo­spies­sern be­völ­ker­ten, kul­tur­kri­ti­sch allzu dank­ba­ren Stoff, steht am Be­ginn des drit­ten Ak­tes die Er­kennt­nis der ei­ge­nen Frag­wür­dig­keit.

Im An­ge­sicht des dä­mo­ni­schen Lie­bes­wahns, je­nem bis dato als Bi­blio­theks­ge­spinst ab­ge­ta­nen «Ver­bren­nen» auf dem «Al­tar der al­ten Göt­ter», er­fährt sich der Er­zäh­ler als Teil der zu­vor kri­ti­sier­ten durch­ra­tio­na­li­sier­ten Mo­derne. Der bis­lang nur wusste, dass er keine es­ka­pis­ti­schen «Schmon­zet­ten» über die klei­nen Fluch­ten all­tags­mü­der Män­ner schrei­ben möchte. Was, rhe­to­ri­sch durch­aus fu­rios, zwar gut gen Ost­schweiz ge­brüllt ist, je­doch die Frage nach der an­ge­mes­se­nen Dar­stel­lung der «schreck­li­chen Feier, wenn ei­nem Men­schen das Herz aus der Brust ge­ris­sen wird», noch nicht be­ant­wor­tet. Das hef­tige und un­ver­mit­telte Pa­thos des Schlus­ses, so viel sei ver­ra­ten, gibt er­ste Fin­ger­zeige auf Bär­fussʼ Ver­such, das Dä­mo­ni­sche, ver­häng­nis­voll Schick­sals­hafte wie­der für die Gat­tung des Ro­mans zu öff­nen. Aus der es spä­tes­tens seit He­gels fol­gen­rei­cher Ver­fü­gung, im Bil­dungs­ro­man sei je­der Tief­schlag letzt­lich als Voll­tref­fer auf dem Weg durch die «Lehr­jahre» zu deu­ten, gründ­lich ver­bannt wor­den war. Von der «Poe­sie des Her­zens» durfte da nicht mehr blei­ben, als der «Prosa des All­tags» dien­lich sein konnte. Die­sem Zweck­op­ti­mis­mus stellt sich Ha­g­ard im Zu­las­sen ei­ner viel­leicht nicht sinn-, aber zweck­freien Aus­weg­lo­sig­keit ent­schie­den ent­ge­gen.

Als Dra­ma­ti­ker, dem im­mer wie­der Sze­nen von theo­re­ti­sch nicht ein­fach weg zu er­klä­ren­der Hef­tig­keit ge­lin­gen, ist Bär­fuss dem Pro­jekt ei­ner Tra­gik dies­seits von My­thos und Ni­hi­lis­mus schon län­ger ver­pflich­tet. Sei­ner Prosa war die­ses Vor­ha­ben nie fremd, je­doch wird es in Ha­g­ard durch das zu­neh­mende Pa­thos des Er­zäh­lers, des­sen im­mer we­ni­ger re­flek­tierte, son­dern aus­a­gierte af­fek­tive «Ver­stri­ckung», erst­mals ra­di­kal um­ge­setzt. Das er­in­nert stel­len­weise an Paul Ni­zons 2005 er­schie­ne­nen Kurz­ro­man Das Fell der Fo­relle, dem Bär­fuss nicht al­lein in den Mo­ti­ven des ma­ni­schen Fla­nie­rens und der Ve­nus im Pelz, son­dern vor al­lem in der schwin­den­den Bo­den­haf­tung des Er­zäh­lers seine Re­ve­renz er­weist. Ni­zons Aus­weg in die sprach­li­che Luft­akro­ba­tik ver­wei­gert er sich in­des ebenso kon­se­quent wie des­sen Ge­gen­pol, dem lau­war­men psy­cho­lo­gi­schen Rea­lis­mus der «Schmon­zet­ten».

Den Preis die­ser Af­fekt­prosa, die sich we­der im Ge­stö­ber der Let­tern noch im vage ge­teil­ten All­tags­wis­sen ein­rich­ten mag, ver­schweigt Bär­fussʼ neuer Ro­man nicht. Im Ge­gen­teil: Ha­g­ard ist ein idio­syn­kra­ti­sches, fest zum Wan­kel­mut ent­schlos­se­nes Buch, das we­der auf der Ebene sei­ner Fi­gu­ren noch sei­ner Er­zähl­hal­tung um Ver­ständ­nis oder gar Ein­füh­lung buhlt. Ge­trie­ben von der Ein­sicht, dass kei­nes­wegs die Welt, son­dern höchs­tens un­sere gän­gi­gen Er­zähl­wei­sen aus­er­zählt sind, sucht es sein Heil in der Hef­tig­keit flüch­ti­ger Schön­heit. «Un éclair… puis la nuit», heisst es be­reits bei Bau­de­laire, und im Zei­chen ei­nes sol­chen Blit­zes, der die fol­gende Nacht nicht aus­leuch­tet, son­dern höchs­tens mit sei­nen Nach­bil­dern durch­zuckt, steht auch Lu­kas Bär­fussʼ neuer, auf durch­aus be­drü­ckende Weise kom­pro­miss­los ge­lun­ge­ner Ro­man.


Lu­kas Bär­fuss: Ha­g­ard. Göt­tin­gen: Wall­stein Ver­lag 2017, ca. 24 Fran­ken.