Im Zwi­schen­reich.
Sa­bine Hun­zi­kers über­zeu­gen­des De­büt
«Flie­ger stö­ren Lang­schlä­fer»

Po­ly­amo­rie hat gute Chan­cen, als Mo­de­thema der Zeh­ner­jahre in die Ge­schichts­bü­cher ein­zu­ge­hen. Be­zie­hun­gen zu zwei oder mehr Part­ne­rin­nen und Part­nern gal­ten plötz­lich als chic, Rat­ge­ber, Er­leb­nis­be­richte und eben auch Ro­mane nah­men sich des The­mas an. Um Liebe sollte es ge­hen, nicht bloss um Sex, um so­ziale Struk­tu­ren, Netz­werke, Ver­bünde, nicht bloss um den Reiz des Neuen. Dass Freunde die neue Fa­mi­lie sind, pre­digt die So­zio­lo­gie schon lange. Aber tau­gen sie auch als Part­ner? Zeit­gleich zu Ronja von Rön­nes viel­be­ach­te­tem Po­ly­amo­rie­ro­man Wir kom­men stellte sich im ver­gan­ge­nen Früh­jahr auch das De­büt der Ber­ner Au­to­rin Sa­bine Hun­zi­ker die­ser Frage.

Hin­ter dem er­ra­ti­schen Ti­tel Flie­ger stö­ren Lang­schlä­fer ver­birgt sich die Ge­schichte ei­ner Drei­ecks­be­zie­hung zwi­schen drei jun­gen Men­schen. Alle Be­tei­lig­ten wis­sen um­ein­an­der, su­chen Halt und das Glück bei­ein­an­der und kön­nen es trotz­dem nicht so rich­tig fin­den. Er­zählt wird da­bei zu­nächst von Ju­dith. Von ih­rer sto­cken­den Ar­beit an der Dis­ser­ta­tion und von Abel, ih­rem lang­jäh­ri­gen Freund, der sich ihr einst ver­trau­ens­voll hin­gab, sein Glück aber seit ei­ni­ger Zeit im Fremd­ge­hen sucht. Um Abel das Lü­gen zu er­spa­ren, bie­tet ihm Ju­dith eine of­fene Be­zie­hung an. Und ist es schliess­lich selbst, die die schi­zo­phrene Agnes in die Be­zie­hung mit­bringt. Ju­dith und Abel sind die Lang­schlä­fer, Agnes der stö­rende, aber auch an­re­gende Flie­ger. Die Szene zu die­ser mé­nage à trois lie­fert Ju­diths spar­ta­ni­sch ein­ge­rich­tete Woh­nung, die sich in ei­nem von der Gen­tri­fi­zie­rung be­droh­ten Ber­ner Ab­bruch­haus be­fin­det. Das Haus knarrt und die Wände brö­ckeln; es gibt we­der Hei­zung noch ein ei­ge­nes Bad. Ein Zwi­schen­reich also, aus dem Ju­dith schon bald ver­trie­ben sein wird, sich aber noch ganz zu Hause fühlt.

So wird der Le­ser ein­ge­la­den, sich auf Ju­diths Ge­dan­ken­welt ein­zu­las­sen und lernt die drei Prot­ago­nis­ten ken­nen: Die von aus­sen als teil­nahms­los be­zeich­nete, sich sel­ber aber als un­nah­bar be­schrei­bende Ju­dith, die stets ein biss­chen ver­liebt und vor al­lem fas­zi­niert von Agnes be­rich­tet. Agnes, die we­gen ih­rer Schi­zo­phre­nie im­mer wie­der ein­ge­wie­sen wird und in den Zwi­schen­zei­ten ein Le­ben am Li­mit lebt. Und da ist Abel, der sich durch Rück­schläge im Stu­dium im­mer wei­ter von sich selbst ent­fernt und da­von sar­kas­ti­sch wird, manch­mal aber auch weint. Doch Ju­dith fragt ihn nie nach dem Grund. Über­haupt krei­sen ihre Ge­dan­ken eher um Agnes als um Abel. Manch­mal scheint es, als hätte sich Ju­dith von Abel schon lange ver­ab­schie­det, doch träumt sie im­mer noch von der voll­kom­me­nen Zwei­sam­keit, die einst zwi­schen ih­nen herrschte. Bis­wei­len span­nen wie­derum Abel und Agnes zu­sam­men; um in «Re­de­du­el­len» und «Kampf­ge­la­bern» Par­tei ge­gen Ju­dith zu er­grei­fen oder auch ein­fach nur heim­lich in der Kü­che zu tu­scheln. Die Si­tua­tion spitzt sich zu, doch eine Es­ka­la­tion scheint auf­grund Ju­diths fast end­lo­ser Ge­duld und Le­thar­gie nicht mög­lich. Doch ewig lässt auch bei ihr un­ver­meid­li­che Aus­bruch der Ei­fer­sucht nicht auf sich war­ten.

Stim­mig wech­selt die Er­zäh­lung an die­ser Stelle die Per­spek­tive. Ein Er­zäh­ler tritt hinzu und be­schreibt die Rol­len­auf­tei­lung zwi­schen den dreien völ­lig an­ders als Ju­dith: Abel und Agnes er­schei­nen als er­bit­terte Ri­va­len, die an­sons­ten so stille und zu­rück­hal­tende Ju­dith teilt laut­stark aus und be­lei­digt die bei­den bis un­ter die Gür­tel­li­nie. Dass die Le­se­rin­nen und Le­ser nicht nur Ju­diths Per­spek­tive auf die be­tei­lig­ten Fi­gu­ren, son­dern auch ihre Par­tei in der Drei­ecks­ge­schichte ein­ge­nom­men ha­ben, wird auf diese Weise li­te­ra­ri­sch über­zeu­gend vor Au­gen ge­führt. Denn dass al­les eine Frage der Per­spek­tive ist, mag zwar theo­re­ti­sch ein al­ter Hut sein, zeich­net in der Le­bens­pra­xis aber noch im­mer für die Mehr­zahl al­ler Miss­ver­ständ­nisse ver­ant­wort­lich.

Wenn Ju­dith er­zählt und sich da­bei in ih­ren Ge­dan­ken ver­liert, pas­siert das oft in be­deut­sa­men und ori­gi­nel­len Gleich­nis­sen. Auch kommt die Er­zäh­le­rin im­mer wie­der auf die glei­chen Pa­ra­dig­men zu­rück, so­dass un­wei­ger­lich eine tie­fere Be­deu­tung die­ser The­men­kreise wie na­tür­lich die Liebe, aber auch Tod, Schat­ten und ganz viel Mu­sik, im Raum steht. Und dies wie­derum lädt ein zum Rät­seln, Kom­bi­nie­ren und Nach­den­ken. Über­zeu­gend ist auch die sti­lis­ti­sch ab­wechs­lungs­rei­che Ent­fal­tung von Ju­diths Ge­dan­ken: In ei­nem Mo­ment lässt sich Ju­dith noch in äus­serst der­ben Aus­drü­cken über die Por­no­in­dus­trie aus, um im nächs­ten in ein ver­letz­li­ches, weh­mü­ti­ges Re­gis­ter zu wech­seln.

Da­mit zeich­net Hun­zi­ker eine schwer greif­bare und teil­weise schwer er­träg­li­che Prot­ago­nis­tin, die man im ei­nen Mo­ment für ihre Ver­letz­lich­keit in den Arm und im nächs­ten für ihre Träg­heit schüt­teln will. Ge­rade Ju­diths Le­thar­gie und Un­ent­schlos­sen­heit ge­hen zu­neh­mend auf die Ner­ven, so­dass man von Ju­dith am Ende des Bu­ches gerne Ab­schied nimmt. In die­ser aber of­fen­bar ge­woll­ten Ge­dulds­probe liegt je­doch auch die ein­zige Schwä­che des Ro­mans, denn Flie­ger stö­ren Lang­schlä­fer über­zeugt durch Tief­grün­dig­keit und ist so viel­schich­tig, dass weit mehr als die Frage nach der Gül­tig­keit ei­ner mo­no­ga­men Be­zie­hung in ei­ner mo­der­nen Ge­sell­schaft ge­stellt wird. Sti­lis­ti­sch be­wegt sich Hun­zi­kers Ro­man in der Nähe der jün­ge­ren Post­pop­li­te­ra­tur, an de­ren Spitze nicht län­ger de­pres­sive Dan­dys, son­dern mit Au­to­rin­nen wie Ronja von Rönne, An­to­nia Baum oder Re­becca Mar­tin de­zi­diert weib­li­che Stim­men ste­hen. Sa­bine Hun­zi­ker und ihr über­zeu­gend kom­po­nier­tes De­büt brau­chen sich in die­ser Reihe nicht zu ver­ste­cken.


Sa­bine Hun­zi­ker: Flie­ger stö­ren Lang­schlä­fer. 168 Sei­ten. Wien: Sep­time 2016, ca. 30 Fran­ken.