«Es ist na­tür­lich viel ein­fa­cher, über schei­ternde Liebe zu schrei­ben».
Ge­spräch mit Mi­lena Mo­ser

In Hin­ter die­sen blauen Ber­gen ver­han­delt Mi­lena Mo­ser ih­ren Ab­schied von Eu­ropa, die An­kunft in ih­rer neuen Wahl­hei­mat Santa Fe und den Be­ginn ei­nes neuen Le­bens im Un­ge­wis­sen. An­läss­lich der Buch­pre­miere im Zür­cher Kauf­leu­ten am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag sprach das «Schwei­zer Buch­jahr» mit der Au­to­rin über die Schwie­rig­kei­ten, sich selbst zu schrei­ben.

 

Frau Mo­ser, kom­men wir gleich zur Sa­che: Ihr neues Buch be­ginnt mit der Schil­de­rung ei­nes Ritts durch die Prä­rie von New Me­xico – und das ist doch spre­chend. Der Text soll ja ei­nen Raum durch­que­ren, von Eu­ropa nach Ame­rika füh­ren: Aber kommt er an? Oder bleibt er in der Prä­rie, im wil­den Da­zwi­schen?  

Es ist noch kein An­kom­men. Für mich ist es ein Buch, das mehr Fra­gen stellt, als dass es Fra­gen be­ant­wor­tet. Es ist ja kein Ro­man, son­dern eben ein au­to­bio­gra­phi­sches Buch, was für mich et­was kom­plett an­de­res ist. Ich habe auch des­we­gen im­mer ein we­nig das Ge­fühl, das Buch sei auch ein Be­trug.

In­wie­fern ein Be­trug?

Wenn ich ei­nen Ro­man schreibe, dann habe ich keine Ah­nung, was pas­siert. Ich stol­pere in et­was rein. Es tut sich eine Welt auf und ich muss sie nur be­schrei­ben. Eine an­dere Welt, de­ren Sinn sich beim Schrei­ben er­gibt. Das Au­to­bio­gra­phi­sche aber, das ist et­was schwie­ri­ger. So wie ich Zähne putze, so schreibe ich meine No­ti­zen zum All­tag auf und ver­su­che ir­gend­wie ei­nen ro­ten Fa­den darin zu fin­den. Das tue ich, seit ich schrei­ben kann. Aber in­ter­es­siert das je­man­den? Schon beim letz­ten Buch (Das Glück sieht im­mer an­ders aus, 2015), des­sen Fort­set­zung Hin­ter die­sen blauen Ber­gen ja ist, hatte ich des­we­gen rie­sige Dis­kus­sio­nen mit mei­nem Ver­le­ger.

Zur Au­to­rin

Mit Put­zen, ei­ner im Kel­ler ver­steck­ten Gross­mut­ter und dem Ab­flug auf die «Putz­frau­en­in­sel» Mal­lorca hat sich Mi­lena Mo­ser 1991 in die Schwei­zer Best­sel­ler­liste ein­ge­schrie­ben. Seit­dem hat die 1963 ge­bo­rene Zür­che­rin mehr als ein Dut­zend Ro­mane (u.a. Ar­ti­scho­cken­herz [1999], Stu­ten­biss [2007], Das wahre Le­ben [2013], aber auch au­to­bio­gra­phi­sche Texte (wie das 2015 er­schie­nene Das Glück sieht im­mer an­ders aus) ver­öf­fent­licht und dar­über zum In­be­griff der «Er­folgs­schrift­stel­le­rin» ge­wor­den. Vor zwei Jah­ren kehrte Mo­ser der Hei­mat den Rü­cken zu und lebt fortan in Santa Fe, New Me­xico – in eben je­ner Ca­sita, de­ren Es­trich-Fens­ter sie bis heute un­ter Ver­schluss hält.

Schreibt sich ein sol­ches Buch an­ders als ein Ro­man?

Ja, das ist eine ganz an­dere Art von Schrei­ben. Man fängt an mit dem Wis­sen: Okay, es gibt eine lo­gi­sche Fort­set­zung des letz­ten Bu­ches – ich wan­dere aus, ich gehe weg. Das zu pro­to­kol­lie­ren wird dann zum täg­li­chen Halt in al­lem, was pas­siert. Das Sze­na­rio muss man nicht er­fin­den, es ist ja schon da. Es gibt keine Über­ra­schun­gen. Der Kick oder die Her­aus­for­de­rung ist dann: Was kommt aus die­sem Wust von täg­li­chen Ein­drü­cken dann zwi­schen die Buch­de­ckel? Was ge­hört rein, was nicht?

Wenn wir jetzt schon an die­sem Punkt sind: Ein zur Zeit viel­dis­ku­tier­ter Be­griff ist die «Tel­la­bi­lity», also die Ein­rich­tung des Le­bens nach sei­ner Er­zähl­bar­keit. Kann sich denn, wenn man au­to­bio­gra­phi­sch schreibt, das Ver­hält­nis von Le­ben und Schrei­ben um­keh­ren? Lebt man nicht auch mit dem Be­wusst­sein der li­te­ra­ri­schen Ver­wert­bar­keit?

Es gab mal ei­nen schö­nen Satz: not ever­y­thing is write-abou­ta­ble. Aber für mich ist das kein Pro­blem. Ich schreibe grund­sätz­lich al­les auf. Wenn man mir den Blei­stift weg­neh­men würde, dann würde ich mit dem Au­gen­brau­en­stift schrei­ben. Das li­te­ra­ri­sche Pro­to­koll des Le­bens, das lässt sich nicht mit der Ver­wand­lung der Wirk­lich­keit in den so­zia­len Me­dien ver­glei­chen, also: man geht in ein Re­stau­rant geht, macht ein Foto und das ganze Le­ben wird ein Pos­ting. Es ist eher um­ge­kehrt, dass ich mich kom­plett un­ver­an­kert fühle, wenn ich nicht schreibe. Wenn ich et­was nicht auf­schreibe, dann ist es nicht so, als wenn es nicht pas­siert wäre, aber ich ver­stehe es nicht. Ich ver­stehe nicht, was ge­schieht. Schreibe ich es auf, dann sehe ich. Das ist für mich wie ein «Hebi». Et­was, das ich brau­che, wie an­dere – ich weiss auch nicht.

Sie ha­ben ja ge­sagt, dass Schrei­ben Ori­en­tie­rung ver­schaffe. Nun geht es in Ih­rem Buch ja auch ganz kon­kret darum, dass der Raum, in dem Sie neu le­ben, erst ein­mal struk­tu­riert wer­den muss: Jä­ten, Auf­räu­men – das Ge­rüst her­aus­ar­bei­ten, in­dem Über­fluss ab­ge­schafft wird. Für Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ter gibt es da­bei ei­nen Mo­ment mit gros­sem Deu­tungs­po­ten­zial: Beim Her­rich­ten der Ca­sita kommt auf ein­mal eine Luke zum Vor­schein, die ver­mu­ten lässt, dass das Haus noch ei­nen Es­trich hat. Die Er­zäh­le­rin scheut da­vor zu­rück, der Sa­che auf den Grund zu ge­hen. Wa­ren Sie mitt­ler­weile ei­mal auf dem Es­trich?

Nein, ich wüsste gar nicht, wie man da hoch kommt. Viel­leicht von aus­sen, mit ei­ner Lei­ter. Aber nein, ich habe mich nie ge­traut. Aber klar: Man rich­tet das Haus ein und schafft eine Ord­nung. Und dann merkt man, es gibt da noch et­was An­de­res. Ne­ben die­ser Iden­ti­tät, die man im Griff hat, gibt es da die­sen Hohl­raum, den man nicht be­geht – den Ort des Un­be­wuss­ten.

Eine grosse Rolle in die­sem Text spielt auch die Neu­ent­de­ckung der ei­ge­nen Iden­ti­tät, also die Frage, was es heisst, «Schwei­ze­rin» zu sein.

Ja, na­tür­lich. Wenn ich in der Schweiz bin, dann fühle ich mich im­mer kos­mo­po­li­ti­sch. Wenn ich aber in Ame­rika bin, dann wird mir meine Schwei­zer Prä­gung doch sehr deut­lich. So habe ich zum Bei­spiel, auch wenn mir das pein­lich ist, nach ame­ri­ka­ni­schen Stan­dards ei­nen Putz­wahn; ich kann mich mit mei­ner Schwei­zer Freun­din in Santa Fe tat­säch­lich über Putz­mit­tel un­ter­hal­ten. Glei­ches gilt für an­dere Kli­schees, etwa Pünkt­lich­keit: Wenn ich mich mit je­man­dem um sie­ben ver­ab­rede und die Per­son taucht um halb acht auf, dann frage ich mich schon, ob et­was pas­siert sei. Das klingt jetzt et­was la­pi­dar, aber für mich ist das schon eine nicht un­wich­tige Be­ob­ach­tung. Frü­her, spe­zi­ell in mei­nen Ko­lum­nen, habe ich mich ja im­mer sehr fest an die­sen Nor­men ge­rie­ben, an der Vor­stel­lung, wie eine Frau mei­ner Ge­ne­ra­tion in der Schweiz zu funk­tio­nie­ren habe – und das ich eben nicht so sei und mein Schrei­ben von dort­her mo­ti­viert sei. Und in Ame­rika merke ich nun: Ich lebe diese Vor­stel­lun­gen schon, ge­gen die ich mich einst er­folg­reich ge­wehrt zu ha­ben glaubte.

Macht das La­bel «Schwei­zer Li­te­ra­tur» in die­sem Zu­sam­men­hang für Sie Sinn? Wür­den Sie von sich be­haup­ten, Ver­tre­te­rin von Schwei­zer Li­te­ra­tur zu sein oder nicht?

Ich stol­pere noch im­mer über das Wort Li­te­ra­tur, weil das ja eine ewige De­batte ist. Ist das über­haupt Li­te­ra­tur, was die Frau Mo­ser da macht, oder nicht? Also ich habe mich nie als Ver­tre­te­rin von ir­gend­et­was ge­se­hen. Ich bin ja nicht den klas­si­schen Weg ge­gan­gen – habe meine ers­ten drei Bü­cher im Ei­gen­ver­lag raus­ge­bracht.

Wir ha­ben ei­nen wei­ten Li­te­ra­tur­be­griff.

Ok, von da­her würde ich sa­gen, ja klar, ich bin eine Schwei­ze­rin, die schreibt, folg­lich ja, da ge­höre ich dazu. Wenn ich in eine Buch­hand­lung gehe, wün­sche ich mir ei­gent­lich im­mer, dass man mich bei der «Schwei­zer Li­te­ra­tur» zu ste­hen. Und nicht bei «Fre­che Frauen» oder ähn­li­chem Bull­s­hit.

Über das La­bel kön­nen wir gerne spre­chen: Frau­en­li­te­ra­tur.

Ist das et­was? Be­schäf­tigt das heute noch?

Das wollte ich Sie ge­rade fra­gen – gibt es Frau­en­li­te­ra­tur?

Für mich gibt es das nicht. Für mich gibt es das ab­so­lut nicht. Es gibt Li­te­ra­tur und es gibt Men­schen die schrei­ben. Mir ist über­haupt nicht klar, warum da Gren­zen ge­zo­gen wer­den. Ich bin in diese Schub­lade ja auch un­frei­wil­lig rein­ge­rutscht. Nach­dem die ers­ten drei Bü­cher im Ei­gen­ver­lag raus­ge­kom­men sind, hat Ro­wohlt die Rechte an die­sen ers­ten drei Bü­chern auf­ge­kauft – für die Reihe «rororo Neue Frau». Dort er­schie­nen in den 1970er/80er Jah­ren vor al­lem Über­set­zun­gen von ame­ri­ka­ni­scher Frau­en­li­te­ra­tur, das war kein schlech­tes Pro­gramm. Ich fand dort Auf­nahme mit mei­nen Mords­ge­schich­ten und be­kam den Stem­pel der «män­ner­mor­den­den Fe­mi­nis­tin». Rich­tig ver­stan­den habe ich das nie, mich hat es im­mer ge­stört, in die­ser Ecke zu sein. Die Reihe wurde dann auch auf­ge­löst.

«Frau­en­li­te­ra­tur» – das hat ja doch auch noch et­was mit Iden­ti­täts­kon­zep­ten zu tun, die Frauen un­ter­stellt wer­den.

In den 70er Jah­ren wurde das La­bel ja so ver­stan­den: Das ist Li­te­ra­tur von Frauen, die nur über sich schrei­ben, über ih­ren Va­ter, ihr Lie­bes­le­ben etc. Und alle heis­sen Anna. Und dann ka­men diese Chick-Lit-Sa­chen. Der Be­trieb ist bis heute ja nicht frei von die­sen Kli­schees. We­gen der Co­ver­ge­stal­tung habe ich re­gel­mäs­sig Streit mit dem Ver­lag. Mein Ver­lag macht ja wirk­lich im­mer schöne Bü­cher. Schöne Co­ver. Aber nicht für mich. Der er­ste Vor­schlag ist im­mer ein Mar­tini-Glas oder das Bild ei­nes Schuhs mit ho­hem Ab­satz. Die hö­ren ein­fach Mo­ser und den­ken an sol­che Co­ver-Ge­stal­tun­gen. Wo­bei Schuhe für mich ja schon auch ein wich­ti­ges Thema sind.

In der Tat: Es gibt die­sen ei­nen Mo­ment im Buch, in dem die Schuhe dann viel ver­ra­ten: ein Stie­fel­kauf. Der scheint uns des­we­gen von so gros­ser Be­deu­tung für die­sen Text zu sein, weil das der ein­zige Mo­ment ist, in dem ex­pli­zit vom Eros die Rede ist – in ei­nem Buch, in dem es ja auch und vor al­lem um Liebe geht. Be­dingt das Schrei­ben über Liebe die Ab­we­sen­heit des Eros?

Es ist na­tür­lich viel ein­fa­cher, über schei­ternde Liebe zu schrei­ben, über un­glück­li­che Liebe. Über glück­li­che Liebe zu schrei­ben ist viel schwie­ri­ger. Das letzte Buch er­zählte von mei­ner Tren­nung – da be­steht im­mer die Ge­fahr, dass das Er­zäh­len ei­ner neuen Part­ner­schaft als eine Ant­wort auf al­les ge­le­sen wird. Und das ist sie na­tür­lich nicht.

Aber diese Dis­tanz in der Liebe – die hier ja ganz pro­gram­ma­ti­sch über ein Skype-Ge­spräch sich of­fen­bart –, die be­sitzt ja auch ihre ei­gene Lo­gik. Im Text heisst es, das Wag­nis be­stünde darin, «zu lie­ben, ohne sich auf­zu­lö­sen». Nicht ge­schrie­ben kann und soll also das Auf­ge­hen im An­de­ren. Muss die­ses Ich, viel­leicht ge­rade, weil es kei­nen «fes­ten Stand» mehr hat, des­we­gen Liebe auch an­ders kon­zi­pie­ren?

Im Nach­hin­ein: wahr­schein­lich wäre das für mich über­haupt nicht an­ders mög­lich ge­we­sen. Die Er­zäh­le­rin des letz­ten Bu­ches – drei Jahre her, ge­rade ins Eng­li­sche über­setzt – war völ­lig trau­ma­ti­siert. Das Buch ent­stand folg­lich aus ei­ner Ab­kehr von der Liebe und ei­ner Be­we­gung hin zum Schrei­ben. Und die Rück­kehr der Liebe, die kam aus der Ah­nung, was Liebe noch sein könnte und dass ich dachte: das will ich auch noch. Aber es brauchte eben die Dis­tanz, denn bei zu­viel Nähe wäre ich da­von­ge­lau­fen wie eine vik­to­ria­ni­sche Jung­frau.

Stellt sich das Schrei­ben nicht auch zwi­schen ei­nen selbst und den an­de­ren?

Nein, im Ge­gen­teil. Bis ich mit Mitte 20 meine ers­ten Bü­cher ver­öf­fent­licht habe, hatte ich noch das Ge­fühl, dass mich et­was von den an­de­ren trennte. Und tren­nen mus­ste: Aus über­le­bens­tech­ni­schen Grün­den mus­ste ich die an­de­ren be­ob­ach­ten, wie sie ihr Le­ben führ­ten – und das auf­schrei­ben. Das er­ste Mal, das ich das Ge­fühl hatte, ich bin nicht al­lein, war der Zeit­punkt, als ich zum ers­ten Mal eine Ge­schichte ver­öf­fent­licht habe. Das Ge­fühl, dass meine Rea­li­tät eine voll­kom­men an­dere ist als die mei­ner Um­ge­bung, ver­schwand in dem Mo­ment. Das Schrei­ben ver­bin­det mich mit der Welt.

Ist die Be­schäf­ti­gung mit Li­te­ra­tur dann für Sie ein the­ra­peu­ti­scher Akt?

Das ist na­tür­lich ein ab­wer­ten­des Wort, aber ich habe das so­gar schon von ei­nem The­ra­peu­ten be­stä­tigt be­kom­men.

Das gilt ja auch fürs Le­sen. Im Buch ge­schieht es nicht nur ein­mal, dass die Er­zäh­le­rin ihre Welt durch Texte er­klärt, die sie ein­mal ge­le­sen hat – durch Kafka z.B. Vor al­lem aber greift das Buch be­mer­kens­wert ex­pli­zit auf ganz be­stimmte Schwei­zer Prä­texte zu­rück, näm­lich die Ro­mane Fe­de­rica de Ces­cos. Bis­wei­len stellt sich so­gar der Ver­dacht ein, dass das Buch durch eine in­ten­sive Fe­de­rica de Cesco-Lek­türe pro­gram­miert sei.

Tat­säch­lich wollte ich den «Ro­ten Sei­den­schal» un­be­dingt noch ein­mal le­sen, da der ja – wie meine Schwei­zer Freun­din mir be­teu­ert hat – in Santa Fe spiele. Ich habe ihn aber nicht mehr ge­fun­den. Um aber auf die Frage zu­rück­zu­kom­men: Ich habe schon ge­merkt, dass meine Vor­stel­lun­gen von den ame­ri­ka­ni­schen Ur­ein­woh­nern stark durch die Kli­schees vom «No­ble Sa­vage» ge­prägt wa­ren, die eben un­ter an­de­rem aus den Bü­chern von Fe­de­rica de Cesco her­kom­men. Als ich ein­mal mit ei­nem In­dia­ner kon­fron­tiert wurde, der sich ganz und gar nicht «no­ble» ver­hielt, war ich scho­ckiert. In Santa Fe gibt es viele Schwei­zer Frauen wie mich, al­lein­ste­hende Frauen im mitt­le­ren Al­ter – die sich dann in ei­nen In­dia­ner ver­lie­ben. In­so­fern bin ich auch ein Kli­schee. Ich glaube schon, dass die Le­bens­ent­würfe von Eu­ro­päe­rin­nen in Santa Fe viel mit den Fan­ta­sien zu tun ha­ben, die man bei Fe­de­rica de Cesco oder na­tür­lich auch Karl May fin­det.

Der Schluss des Bu­ches hat ja so ei­nen «Ratgeber»-Touch: «Ruh Dich ein­fach ein Weil­chen aus, und al­les wird gut.»

Nein, kein Rat­ge­ber – die Ver­ant­wor­tung will ich gar nicht ha­ben. Aber es geht tat­säch­lich um das Aus­ru­hen, um das Nicht­stun. Ich emp­finde es – ge­rade auch un­ter Frauen – mo­men­tan als sehr an­stren­gend, die­ses un­ent­wegte Sich-Ver­bes­sern-Wol­len. Da sitzt man da auf Po­di­ums­dis­kus­sio­nen mit An­nie Lei­bo­vitz und lau­ter Frauen, die wahn­sin­nig er­folg­reich und wahn­sin­nig tolle Kin­der ha­ben und denkt, «kann man nicht ein­fach mal nichts ma­chen»?

Wo­bei der Text ja ei­gent­lich eine ex­trem ak­tive Per­son zeigt…

… die das Haus re­no­viert und un­frei­wil­lig zur Not­ärz­tin wird, ja.

Re­den wir über Li­te­ra­tur und Pu­bli­kum. Es gibt in Buch die­sen Kurs «How to write a best­sel­ler in two days»…

… den ich be­sucht habe, weil ich wis­sen wollte, wie man das macht.

Aber wie prä­sent ist so ein Best­sel­ler­pu­bli­kum beim Schrei­ben?

Die Frage, was das Pu­bli­kum will, habe ich mir ei­gent­lich noch nie ge­stellt. Bei mei­nem frü­he­ren Ver­lag mus­ste ich im­mer ge­gen die Mar­ke­ting­ab­tei­lung kämp­fen, die ganz klare Vor­stel­lun­gen da­von hatte, was bei ei­nem brei­ten Pu­bli­kum funk­tio­niert und was nicht. Al­ler­dings gibt es na­tür­lich auch Dinge, die ich dem Pu­bli­kum be­wusst vor­ent­halte.

Weil?

Weil ich das Ge­fühl habe, diese Ge­schich­ten ge­hö­ren nicht mir, son­dern zum Bei­spiel mei­nen Söh­nen. Alte Fa­mi­li­en­ge­schich­ten. Oder Sex… Ich schreibe schon über diese Dinge, aber das ist nicht für die Öf­fent­lich­keit. Wenn es dann darum geht, ei­nen Text her­aus­zu­ge­ben, dann fange ich mit dem Strei­chen an. Aber Sa­chen rein­schrei­ben, die nicht rein­ge­hö­ren – das würde ich nicht. Aber wenn Li­te­ra­tur ein­mal ein brei­tes Pu­bli­kum er­reicht, kom­men sol­che Fra­gen, wie man mit dem ei­ge­nen Werk um­geht, im­mer wie­der.

Wo zum Bei­spiel?

Naja, Die Putz­frau­en­in­sel wurde ja ver­filmt, und da gibt es ja etwa den Va­ter, der merkt, dass er ei­gent­lich schwul ist und dann mit die­sem jun­gen Tän­zer ab­haut. Und im Film ha­ben sie das eben nicht zei­gen wol­len. Erst sollte er statt dem Tän­zer ei­nen Töff be­kom­men, aber am Ende schaut er dann mit so ei­nem rie­si­gen phal­li­schen Ge­rät in die Sterne und ich habe mir nur ge­dacht, «warum habt ihr dem nicht den jun­gen Mann ge­las­sen»? Wer sagt denn, dass das Pu­bli­kum so et­was nicht ver­steht? Aber es gibt da sol­che un­ge­schrie­be­nen Re­geln, zu­min­dest gab es sie. Dem­entspre­chend konnte die Putz­frau­en­in­sel ja auch nur im Ei­gen­ver­lag er­schei­nen, weil das kein an­de­rer Ver­lag ge­nom­men hätte. Und auch heute nicht neh­men würde.

In wel­chem Ver­hält­nis ste­hen ei­gent­lich das Buch, das ja die­sen au­to­bio­gra­phi­schen Bias hat, und das von Ih­nen be­trie­bene Blog? Kann man das kom­ple­men­tär le­sen? Nach wel­chen Kri­te­rien ent­schei­det sich, was ins Buch kommt und was in den Blog?

Das Blog ist ur­sprüng­lich im Rah­men mei­ner Crea­tive Wri­ting-Kurse ent­stan­den, so dass die Kurs­teil­neh­mer «live» da­bei zu­se­hen konn­ten, wie ein Buch ent­steht. Also: meine Le­bens­welt, die Le­bens­welt ei­ner Schrift­stel­le­rin wird darin sicht­bar und die Leute se­hen: die kocht auch nur mit Was­ser. Ei­gent­lich war ich dann auch schon ein­mal fer­tig da­mit. Ich glaube, die zu­künf­tige Funk­tion des Blogs wird nicht zu­letzt sein, die po­li­ti­sche Ent­wick­lung in den USA zu ver­fol­gen – und die Art und Weise, wie sie in den All­tag hin­ein­spielt.

Es gibt da auch noch ei­nen in­ter­es­san­ten Chi­as­mus von Fik­tion und Au­to­bio­gra­phie. Im Buch heisst es an ei­ner Stelle: Die Ro­man­fi­gu­ren, mit de­nen man ar­bei­tet, die müsste man nicht re­cher­chie­ren, man müsste nicht goo­g­len, was die füh­len, man lebt ja mit ih­nen. Um­ge­kehrt durch­zie­hen die­sen Text Auf­rufe von Per­so­nen, sie zu goo­g­len.

Ja, die fin­gier­ten Per­so­nen er­lebt man un­ver­mit­telt, die rea­len aber ver­wei­gern sich manch­mal, wie der Zei­tungs­ver­käu­fer, der nicht mit mir re­den wollte, son­dern sagte, ich solle ihn goo­geln. Ich glaube aber, wenn man li­te­ra­ri­sche Fi­gu­ren zu sehr re­cher­chiert, dann wird das me­cha­nis­ti­sch. Ich kann na­tür­lich drei 29jäh­rige Putz­frauen mir im Netz zu­sam­men­su­chen und dar­aus eine Fi­gur bauen, aber der An­spruch, es dann «rich­tig» zu ma­chen, ist ein ganz fal­scher. Es gibt ja keine «rich­tige» Art, je­man­den zu be­schrei­ben. Mein Va­ter [Paul Pört­ner] hat das ja da­mals ex­pe­ri­men­tell in sei­nem Hör­spiel Was sa­gen Sie zu Er­win Mauss? Ein­krei­sung ei­nes di­cken Man­nes (1968) wi­der­legt; der hat da­mals 20 Leute ge­fragt, die sol­len ihn be­schrei­ben, auch in sei­ner Vita – und da kam dann ein Bild raus, das gar nichts mit sei­ner Selbst­wahr­neh­mung zu tun hatte und doch wa­ren das al­les echte Er­fah­run­gen, für die Be­frag­ten war das er. Der An­spruch an li­te­ra­ri­sche Fi­gu­ren, sie soll­ten «wahr» im Sinne von «über­prüf­bar» sein – ich ver­stehe das nicht. Eine Fi­gur kann der ein­zige Men­sch auf der Welt sein, der be­stimmte Dinge in ei­ner be­stimm­ten Weise tut – und ge­rade darin völ­lig glaub­wür­dig sein. Eine Fi­gur im Quer­schnitt zu kon­stru­ie­ren bringt hin­ge­gen gar nichts, wenn Du die Fi­gur nicht spürst, den­ken siehst etc. Das kann man nicht mit Goo­gle lö­sen. In der Rea­li­tät kann man sehr viel mit Goo­gle lö­sen. Aber auch sehr viel ka­putt­ma­chen. Dem­entspre­chend kom­men in mei­nem nächs­ten Ro­man, an dem ich ge­rade sitze, ganz an­dere Ty­pen vor als in Hin­ter den blauen Ber­gen.

Das Ge­spräch führ­ten Alex­an­dra Loo­ser und Phil­ipp Thei­sohn.

Mi­lena Mo­ser: Hin­ter die­sen blauen Ber­gen. 256 Sei­ten. Mün­chen: Na­gel & Kim­che 2017.