«Ich er­zeuge gerne Ge­fühle in Tech­ni­co­lor.»
Si­mone Meier über ih­ren neuen Ro­man «Flei­sch»

Am 31. Ja­nuar er­scheint bei Kein & Aber Si­mone Mei­ers zwei­ter Ro­man «Flei­sch». Das Schwei­zer Buch­jahr sprach mit der Au­to­rin über Es­sen, Sex und In­ter­net. Und über Mit­be­woh­ner, die keine Miete zah­len. 

Der Ti­tel Dei­nes Ro­mans ist ja dop­pelt kon­no­tiert: «Flei­sch» steht ei­ner­seits für das, was man isst, an­de­rer­seits für das, was man be­gehrt, das Flei­sch des oder der an­de­ren. Wie ver­bin­den sich in Dei­ner Vor­stel­lung Es­sen und Sex?

Es­sen ist ja mit­un­ter eine Sub­li­ma­tion von Sex. Wenn die Leute in «Flei­sch» we­nig oder gar kei­nen Sex ha­ben, dann es­sen sie viel. Es han­delt sich um zwei Tä­tig­kei­ten, in de­ren Zen­trum der phy­si­sch er­leb­bare Ge­nuss steht und die da­her mit­ein­an­der kor­re­spon­die­ren.

Nun ist Flei­sch ja aber eben nicht nur ir­gend­eine Nah­rung, son­dern hat mitt­ler­weile auch Dis­tink­ti­ons­qua­li­tät…

Ich bin ein Flei­sch-Fan. Diese neue Ver­bots­kul­tur im Sinne von «Flei­sch es­sen ist das neue Rau­chen» geht mir wahn­sin­nig auf die Ner­ven. Da kommt in mir so ein Ro­bert Pfaller’scher Re­flex hoch. Flei­sch es­sen ist et­was Tol­les, et­was Lust­vol­les. Foie gras und Mark­bein ge­hö­ren doch zu den gröss­ten Köst­lich­kei­ten über­haupt. Zu­dem sind die gros­sen ku­li­na­ri­schen Re­gio­nen Eu­ro­pas – Frank­reich, Ita­lien, Spa­nien – al­le­samt tra­di­tio­nelle und hoch vir­tuose Fleisch­kü­chen. Würde ich in Asien le­ben, könnte ich mir eher vor­stel­len, Ve­ge­ta­rie­rin zu sein.

Un­ter­des­sen ist Han Kangs «Ve­ge­ta­rie­rin» ge­rade in al­ler Munde.

Ein Welt­best­sel­ler, ja. Ich wollte es le­sen, habe es aber dann ge­las­sen. Die gan­zen «Ich trink’ nicht mehr, ich ess’ kein Flei­sch mehr etc.»-Lebensentwürfe sind ja frus­trie­rend in­fla­tio­när. Ich sehe da in ers­ter Li­nie neo­li­be­ral op­ti­mierte Kon­zepte da­hin­ter, bei de­nen es um eine Ent­sün­di­gung des Le­bens geht. Das ist doch furcht­bar lust­feind­lich.

In­ter­es­sant ist ja, dass Dein Ro­man über diese Ver­bin­dung von Es­sen und Kör­per­lich­keit zu­gleich auch die se­xu­elle Selbst­be­stim­mung der Frau ver­han­delt. Er steht da­mit ja auch in ei­ner gu­ten Schwei­zer Tra­di­tion: Auch der «Ur­text» des Schwei­zer Fe­mi­nis­mus, Ve­rena Ste­fans «Häu­tun­gen», nä­hert sich ja me­t­ony­mi­sch im Ti­tel dem Flei­sch an. Aber da lag der Weg zur Selbst­be­stim­mung ja viel­mehr in ei­ner As­ke­sis, eben: im Ab­schä­len der Kör­per­lich­keit und der mit ihr ver­knüpf­ten Spra­che.

In mei­nem Ro­man geht es eher um ex­pe­ri­men­telle se­xu­elle Er­wei­te­run­gen; das sind al­les He­do­nis­ten.

Also läge die Ge­gen­wart und Zu­kunft der weib­li­chen Se­xua­li­tät in ei­ner kon­su­mis­ti­schen Er­mäch­ti­gung?

Nein, das wäre mir jetzt zu viel «Sex and the City». Es geht eher darum, das ganze fluide Feld der ent­grenz­ten Ge­schlech­ter­nor­men, das heute om­ni­prä­sent ist, spiel­bar zu ma­chen.

Al­ler­dings ist es ja doch so, dass die­ses Spiel, auf das sich ins­be­son­dere Anna, die äl­tere der bei­den Haupt­fi­gu­ren ein­lässt, in ei­nem Ro­man der frü­hen 1980er deut­lich an­ders mo­ti­viert ge­we­sen wäre, oder?

Bei mir fehlt im Ver­gleich zu frü­her der Lei­dens­druck. Es gibt in «Flei­sch» ja keine exis­ten­zi­elle Not­wen­dig­keit, diese neue se­xu­elle Iden­ti­tät um­zu­set­zen. In dem Sinne ist das auch keine Mid­life-Cri­sis, son­dern eher ein Mid­life-Ex­pe­ri­ment. Und man schaut, was sich Po­si­ti­ves aus die­sem Ex­pe­ri­ment ent­wi­ckeln könnte. Die Krise voll­zieht sich auf der an­de­ren Seite, beim Mann. Bei dem geht ja im Ge­gen­zug al­les bachab. Im Ver­gleich zu frü­her ist aber auch der Druck auf den Um­gang mit Weib­lich­keit, mit Kör­per­lich­keit ein ganz an­de­rer. Frü­her wollte man sich von in­nen her­aus be­freien, um bei den ku­li­na­ri­schen Bil­dern zu blei­ben, ver­gleich ich das mal mit ei­nem Dampf­koch­topf. Heute kommt der Druck ge­stei­gert von aus­sen. Des­halb be­ginnt «Flei­sch» mit ei­ner zwar ko­mi­schen, aber durch­aus ernst­ge­mein­ten Re­fle­xion über den Kör­per, über Schön­heits-OPs – und das ist ja ein Druck, der heute auch me­dial ver­mit­telt wird, über im­mer ex­tre­mere Schön­heits­ideale, die ge­rade über die di­gi­ta­len Ka­näle im­mer dich­ter an ei­nen her­an­rü­cken. Frü­her ging man zum Coif­feur, hat dort in den Zeit­schrif­ten ir­gend­was über die Schön­heits­ge­heim­nisse der Stars ge­le­sen und war da­nach ei­nen Mo­nat lang wie­der un­be­hel­ligt.

img_4023So­ziale Me­dien sind über­haupt sehr prä­sent in Dei­nem Ro­man. Das Ras­ter, mit dem diese Me­dien ar­bei­ten, sind Pro­file, also Iden­ti­täts­kon­strukte, die vor zwan­zig Jah­ren vor­nehm­lich im Be­reich der Kri­mi­na­lis­tik zu fin­den wa­ren. Sind das die Ras­ter, ohne wel­che nicht nur Lie­bes­ro­mane, son­dern auch über­haupt Lie­bes­ge­schich­ten im 21. Jahr­hun­dert nicht mehr ge­schrie­ben wer­den kön­nen?

Spre­chen wir von Da­niel Glattauer? In der Tat kommt man um die Di­gi­ta­li­tät nicht mehr herum. Das Re­sul­tat ist na­tür­lich eine Ver­kür­zung der zwi­schen­mensch­li­chen Wege und folg­lich be­ein­flusst das auch die Art und Weise, wie wir Liebe er­le­ben und er­zäh­len. Wir su­chen eben, was «passt».

Kon­zi­piert man in ei­ner sol­chen Welt auch seine Fi­gu­ren über Pro­file? In­dem man Le­bens­wel­ten über Rah­men­da­ten kon­stru­iert?

Hat man das denn frü­her nicht ge­tan? Um­ge­kehrt wird es viel­leicht in­ter­es­san­ter, also mit Blick auf die Art und Weise, wie man sich selbst als Fi­gur in­sze­niert. Auf die Mög­lich­kei­ten der di­gi­ta­len Per­for­mance. Als On­line-Jour­na­lis­tin werde ich ja an die­ser Per­for­mance stän­dig ge­mes­sen und über­prüft. Und meine «pri­vate» Ak­ti­vi­tät auf den So­cial-Me­dia-Ka­nä­len wird im so­ge­nann­ten «Klout Score» er­fasst. Der hat ei­nen so­zia­len und öko­no­mi­schen Wert und kann mit­un­ter auch ein Ein­stel­lungs­grund sein.

Aber, um noch ein­mal auf die Li­te­ra­tur zu­rück­zu­kom­men: Wie ge­stal­tet sich vor die­sem Hin­ter­grund das Ver­hält­nis von Sub­jekt und Text?

Das ist na­tür­lich in ge­stei­ger­ter Form vir­tu­ell. Ge­stei­gert des­we­gen, weil das auf die Le­bens­schrift über­geht. Wenn eine mei­ner Fi­gu­ren, Max, Mails schreibt, mit de­nen er seine Be­zie­hung be­en­det, die er aber nicht ab­schickt, sich bis­wei­len aber nicht ein­mal si­cher ist, ob er sie jetzt ab­ge­schickt hat oder nicht – dann zeigt sich darin na­tür­lich auch so et­was wie eine vir­tu­elle Le­bens­füh­rung. Wenn man frü­her per Ab­schieds­brief eine Be­zie­hung be­en­det hat, dann führte man in dem Mo­ment, in dem der Brief im Post­kas­ten ver­schwand, ein an­de­res Le­ben.

Di­gi­ta­li­tät er­öff­net also schon viel­leicht nicht ge­nau be­stimm­bare, aber leb­bare Wege in die Mehr­spu­rig­keit von Be­zie­hun­gen?

Ver­mut­lich. Man kann also – wie man das in mei­nem Text ja auch fin­det – an­fan­gen, so zu le­ben, als ob man sich ge­trennt hätte, ohne dass die Part­ne­rin et­was da­von er­fährt. Kom­ple­men­tär gibt es dann das Phä­no­men der fal­sch adres­sier­ten SMS, die durch­aus ver­hee­rende Fol­gen für das Le­ben des fal­sch Adres­sier­ten hat, die aber gar nicht ins Be­wusst­sein der Ab­sen­de­rin tre­ten kön­nen.

Als Ge­gen­pol zum vir­tu­el­len Schrei­ben tritt in Dei­nem Ro­man das kör­per­hafte Schrei­ben, das «Sich-ins-Flei­sch-rit­zen».

Ja, die ei­nen ge­hen zum Schön­heits­chir­ur­gen, und die an­de­ren grei­fen selbst zum Mes­ser. Das sind bei­des Wege, mit die­ser kör­per­li­chen Un­zu­frie­den­heit um­zu­ge­hen. Das Letz­tere, also das Rit­zen, ist ja ein sich ste­tig ver­stär­ken­der Trend, nicht zu­letzt in­folge der ent­spre­chen­den Platt­for­men und Com­mu­nities im Netz. Ich bin wirk­lich froh, heute kein Teen­ager sein zu müs­sen, das würde mich al­les an­spre­chen.

In­ter­es­san­ter­weise ist der Ju­gend­li­che, der sich ritzt, zu­gleich auch ge­nau die Fi­gur, die ge­rade nicht mailt, son­dern Briefe schreibt…

… und seine Kör­per­lich­keit da­durch na­tür­lich auch am ra­di­kals­ten ver­bürgt, mit Ex­kre­men­ten malt, streng riecht – wie Teen­ager das halt tun.

Da sie in Dei­nem Ro­man nicht nur ein­mal auf­taucht: Wel­che Si­gni­fi­k­anz hat im zeit­ge­nös­si­schen Ge­schlech­ter­dis­kurs ei­gent­lich die For­mel «Knaus­gård»?

Für mich der lang­wei­ligste Schrift­stel­ler, den es gibt, der kommt ge­rade noch vor Elena Fer­rante. Ich habe ver­sucht, das zu le­sen, weil mich Best­sel­ler in­ter­es­sie­ren. Und vor al­lem, weil ich ge­merkt habe, dass viele mei­ner männ­li­chen Be­kann­ten, sich in ei­nem Masse mit Knaus­gård iden­ti­fi­ziert ha­ben, wie ich das noch nie ge­se­hen habe. Ich habe es ver­sucht, aber nach 70 Sei­ten auf­ge­ge­ben. Diese 70 Sei­ten wa­ren das Pro­to­koll ei­ner un­zu­frie­de­nen männ­li­chen Durch­schnitts­e­xis­tenz, zu­gleich aber ar­ro­gant und un­fair den Leu­ten ge­gen­über, mit de­nen er seine Zeit ver­bringt. Zu­tiefst un­sym­pa­thi­sch. Aber eben: Für die Män­ner um mich herum war das ganz wich­tig. Das war Zu­flucht.

Zu­flucht wo­vor?

Bei Knaus­gård fühl­ten sie sich ver­stan­den. Ich denke oft: Wenn ei­ner heute ein he­te­ro­se­xu­el­ler weis­ser Fa­mi­li­en­mann und sen­si­bel ist, also kein Do­nald Trump, dann muss er sich schon ganz viele Fra­gen stel­len, die er sich frü­her nicht stel­len mus­ste und ganz viele Kom­pro­misse ein­ge­hen, die bei­spiels­weise sein Va­ter nicht ein­ge­hen mus­ste. Er muss sich sehr ra­di­kal von al­ten Rol­len­vor­bil­dern tren­nen, de­nen er viel­leicht gerne ge­folgt wäre. Und diese Weh­mut ist bei Knaus­gård auf­ge­spei­chert. Sag ich nach 70 Sei­ten …

Bei Max, der Fi­gur, die ge­ra­dezu klopstock­haft Knaus­gård her­bei­zi­tiert, ge­hört dann auch die GQ-Lek­türe dazu.

GQ ist eine Fes­tung die­ses al­ten Rol­len­bil­des, samt ker­ni­ger Mö­bel und schö­ner Pin-Ups. Das ist schon sehr klas­si­sch. Da wer­den keine Gen­der-Theo­rien dis­ku­tiert.

Kann ein Knaus­gård- und GQ-Le­ser wie Max in der Welt von heute über­le­ben?

Schwie­rig. Ich sage es mal so: Je äl­ter Max wird, umso alt­mo­di­scher sind die Vi­sio­nen, die er von sich hat. Die Be­zie­hun­gen, die er ein­geht, füh­ren alle zu nichts. Die Frau, de­ren zeit­wei­li­ger Le­bens­ge­fährte er wird, kann ihm gar nicht Fa­mi­lie wer­den. Die Frau, die er da­für be­zahlt, dass sie ge­le­gent­lich mit ihm schläft, hält er pyg­ma­lionhaft für seine Krea­tur, wäh­rend sie selbst in ei­ner ganz an­de­ren Welt lebt, in der er gar nicht vor­kommt. Aus die­sem voll­um­fäng­li­chen Schei­tern er­gibt sich dann der Selbst­hass, der ja dann auch kör­per­lich wird.

Das geht dann so­gar bis zu ei­ner sym­bo­li­schen Kas­tra­tion.

Die gan­zen Max-Ka­pi­tel bil­den ja diese fort­schrei­tende Ent­man­nung ab. Be­glei­tet wird sie durch sich ste­tig stei­gernde Ret­tungs­ver­su­che der männ­li­chen Iden­ti­tät: Ita­li­en­reise, Ja­mes Bond-Fan­ta­sien, die Vor­stel­lung, Au­tor zu wer­den. Zu Letz­te­rem muss ich sa­gen: Alle Frauen, die mich im letz­ten Jahr ge­fragt ha­ben, was ich so treibe, ha­ben auf die Ant­wort «Ich schreibe ge­rade ein Buch» im­mer mit ei­nem «Das könnte ich nie ne­ben der Ar­beit» re­agiert. Die Män­ner hin­ge­gen: «Ach, das könnte ich auch mal pro­bie­ren.» Die trau­ten sich das alle so ganz non­cha­lant zu.

Eine wei­tere, viel­leicht noch in­ter­es­san­tere Be­ob­ach­tung ist ja die, dass man hier nicht ein­fach ei­nen Cha­rak­ter vor sich hat, der sich nur in alte Rol­len­bil­der ein­kap­selt, son­dern der auch im­mer schon weiss, dass er das ge­rade tut, dass er also Ver­gan­ge­nes zi­tiert. Das gilt ja aber nicht nur für den Mann: Über­haupt ge­winnt man den Ein­druck, als sei der ge­samte Ge­schlech­ter­dis­kurs selbst nur noch als Zi­tat leb­bar.

Rich­tig. Fan­gen wir ein­mal so an: Mein ers­tes Ziel war, dass ich ei­nen lus­ti­gen Ro­man schrei­ben wollte. Mein ers­ter Ro­man ist ja fast zwan­zig Jahre her, und zu der Zeit war man hin­sicht­lich die­ser gan­zen Ge­schlech­ter­dis­kurse in so ei­ner me­lo­dra­ma­ti­schen Phase. Al­les war sehr ernst und es­sen­ti­ell und hat ei­nen im­mer un­mit­tel­bar be­trof­fen. Heute sind schrei­bende Frauen ja an ei­nem an­de­ren, viel leich­te­ren Punkt. Aber viel­leicht lese ich auch nur die leich­ten.

img_4025Et­was prä­zi­ser?

Ich kam di­rekt von der Uni, hatte ganz viel Je­li­nek ge­le­sen, und wenn ich mal et­was Amü­san­tes wollte, da las ich Vir­gi­nia Woolf. Seit­her ha­ben sich meine Le­se­ge­wohn­hei­ten sehr ver­än­dert, sind  viel eng­li­scher und ame­ri­ka­ni­scher ge­wor­den, sehr viel «po­pu­lä­rer». Ich liebe Ste­phen King – gut, der ist jetzt keine Frau, aber die Schreib­per­son, von der ich am liebs­ten ad­op­tiert wer­den möchte. Ich liebe Hil­ary Man­tel, al­ler­dings nicht die his­to­ri­schen Ro­mane, ich lese al­les von Sue Town­send, Gil­lian Flynn und Tana French, aber auch die gan­zen ur­alten eng­li­schen Kri­mi­frauen oder die gross­ar­tige Mar­ga­ret Mil­lar aus den 50er-Jah­ren. Ich halte auch Za­die Smith für eine un­glaub­lich amü­sante Au­to­rin. Das Glei­che gilt für die Ro­mane von Eu­gen­ides.

Also «Midd­lesex»?

Nein, das mag ich nicht so sehr. Der Grie­chen­land-Teil von «Midd­lesex», ist mir zu ba­rock, ich mag nur den ame­ri­ka­ni­schen Teil. Aber «The Vir­gin Sui­ci­des» finde ich su­per und das neue, «The Mar­riage Plot», ist gross­ar­tig. Das Buch aber, das mich dazu be­wo­gen hat, selbst wie­der ei­nes an­zu­fan­gen, war das letzte von Mi­randa July, «The First Bad Man. Auch da geht es ja um eine Frau An­fang 40, eine to­tal sur­reale Fi­gur, völ­lig über­trie­ben in alle Rich­tun­gen. Mit ihr wer­den die heu­ti­gen Mög­lich­kei­ten des Ge­schlech­ter­spiels durch­ex­er­ziert – gross­ar­tig. Als ich das ge­le­sen hatte, dachte ich: Gut, so­weit kann man also heute ge­hen – und es funk­tio­niert.

Siehst Du Dei­nen Text ir­gendwo im Um­kreis von «Feucht­ge­biete»?

Das lese ich schon gerne, auch wenn ich es be­vor­zuge, wenn ein Text ein biss­chen mehr Dra­ma­tur­gie, Fi­gu­ren oder Win­kel­züge hat. Ab­seits der gan­zen Ob­szö­ni­tä­ten und im Wind­schat­ten der er­wei­ter­ten Kampf­zone «Kör­per­lich­keit» ist «Feucht­ge­biete» ja auch eine sehr, sehr rüh­rende Lie­bes­ge­schichte. Und na­tür­lich sehr lus­tig. Si­cher­lich nicht meine Lieb­lings­li­te­ra­tur, aber als Frau wie als Au­to­rin kann man sich da nach der Lek­türe sehr be­freit füh­len und den­ken, «okay, das ist jetzt also auch schon Main­stream». Darf ich noch was zum Thema Gen­der-Theo­rie und Main­stream sa­gen?

Na­tür­lich.

Das Ver­rückte ist doch, dass diese gan­zen Gen­der-Theo­rien und leicht ver­quäl­ten Kör­per- und-Weib­lich­keits-Ob­ses­sio­nen der 1980er und 1990er vie­len Frauen ei­nen idea­len und sehr er­folg­rei­chen Ein­stieg in drei ab­so­lute Main­stream-Li­te­ra­tur-Gen­res bo­ten. Näm­lich Crime Fiction/Horror, Erotik/Porno und Comedy. Bü­cher wie «Gone Girl», «Fifty Shades of Grey» und «Bridget Jo­nes» sind da­für ty­pi­sch. Alle drei per­for­men un­ter­schied­li­che Schat­tie­run­gen fe­mi­nis­ti­scher Selbst­er­mäch­ti­gung.

Uns ist beim Le­sen der Schluss des 23. Ka­pi­tels auf­ge­fal­len: «Wie F. da­bei ge­ro­chen hatte, das wusste Anna jetzt wie­der ganz ge­nau. Nach dem ers­ten Son­nen­un­ter­gang ei­nes Som­mers.» Das ist doch Uta Da­nella?

Nichts ge­gen Uta Da­nella! «Der dunkle Strom» war mein Lieb­lings­buch als Tee­nie…  Aber ja, na­tür­lich, to­ta­ler Kit­sch. Die­ser F., um den es da geht, spielt ja auch in Ro­sa­munde Pil­cher-Fil­men mit.

Also re­flek­tier­ter Kit­sch?

Ja, aber ich muss schon sa­gen, dass ich Kit­sch ei­gent­lich mag.

Was war das noch­mal, Kit­sch?

Kit­sch ist et­was un­fass­bar Schil­lern­des: Den ei­nen treibt er Trä­nen in die Au­gen, weil sie ihn für ei­nen über­stei­ger­ten Ide­al­zu­stand hal­ten, die an­de­ren müs­sen la­chen, weil er für sie nichts an­de­res ist als über­stei­gerte Sen­ti­men­ta­li­tät. Ich liebe Kit­sch als be­wusst ein­ge­setz­tes Stil­mit­tel sehr. Auch in mei­nen Ar­ti­keln. Des­we­gen schreibe ich auch am liebs­ten Nach­rufe. Die Leute sol­len wei­nen, wenn sie das le­sen. Ich er­zeuge gerne Ge­fühle in Tech­ni­co­lor.

Aber funk­tio­niert das in der Welt Dei­nes Ro­mans noch? Es ist ja dann eben doch, wie Du sagst, eine «ge­wusste», viel­fach ge­bro­chene Sen­ti­men­ta­li­tät. Die Frau, aus de­ren Per­spek­tive das ge­schrie­ben ist, kann den «ers­ten Son­nen­un­ter­gang ei­nes Som­mers» in die­ser über­trie­be­nen Syn­äs­the­tik doch ei­gent­lich nicht den­ken, ohne dass sie gleich dar­über la­chen muss.

Ja, wohl schon, aber ein we­nig funk­tio­niert es ja doch. Man hat das Bild ja zu­min­dest im Kopf. Und was die Syn­äs­the­tik be­trifft: Es gibt ja mehr­mals im Ro­man eine Traum­se­quenz, in der Anna mit dem Auto durch eine heisse leere Land­schaft fährt, mit ei­ner Frau an ih­rer Seite. Beim Ver­such, die Far­ben die­ses Trau­mes prä­zise zu be­schrei­ben, habe ich da ganz be­wusst ver­sucht, An­lei­hen beim Meis­ter des Me­lo­drams zu ma­chen, bei Dou­glas Sirk, bei dem die Far­ben auch im­mer viel zu sehr leuch­ten und zu kräf­tig sind, ob­wohl die Hand­lung da­für eher karg ist. Es gibt da im­mer diese äs­the­ti­sche Über­hö­hung, die Ge­schich­ten sind nie so spek­ta­ku­lär wie das Ge­wand, in das sie ge­steckt wer­den. Sol­che Me­cha­nis­men fin­den sich na­tür­lich auch in «Flei­sch».

Also ist es ein Ku­lis­sen­ro­man?

Ja, klar, es sind Ku­lis­sen, durch die diese Fi­gu­ren durch­lau­fen oder fah­ren.

Und die be­wohnt sind von Ka­ker­la­ken. Das sind ja klas­si­sche, stark se­xua­li­sierte Es-Ge­schöpfe,  die mit un­ge­zü­gel­ter Fort­pflan­zung as­so­zi­iert wer­den und die Be­woh­ner Dei­nes Tex­tes heim­su­chen.

Ehr­lich? Das ist eine tolle In­ter­pre­ta­tion, die ich ab so­fort über­all ver­wen­den werde. Ich habe die Ka­ker­la­ken bis eben nicht auch noch mit Sex in Ver­bin­dung ge­bracht…  Sie ge­hö­ren ei­ner­seits zum WG-Le­ben, sind eine Art un­ver­meid­li­cher Mit­be­woh­ner. Und dann sind sie auch hart­nä­ckige Zeu­gen ei­nes al­ten Stücks Stadt, das dem­nächst ein­mal der Gen­tri­fi­zie­rung zum Op­fer fal­len wird.

Nun ja, wir re­den von Un­ge­zie­fer. Geht es da nicht auch um die Triebe, die ei­nen im­mer wie­der heim­su­chen und uns mit­tei­len, dass wir ir­gend­et­was über­se­hen ha­ben – nicht nur in der WG-Kü­che, son­dern auch zwi­schen den Sei­ten von Schul­bü­chern bei­spiels­weise?

Viel­leicht. Es gibt ja diese Szene, in der Lilly, die jüngste der drei Haupt­fi­gu­ren, in der Kü­che ein­schläft und das letzte, was sie beim Weg­däm­mern spürt, ist das Krat­zen der Ka­ker­la­ken-Füsse auf ih­ren Hand­ge­len­ken.

Und was heisst das?

Das ist Trost.

Das Ge­spräch führ­ten La­dina Ca­duff und Phil­ipp Thei­sohn.


f62f4b816f1fc466a4b12475af9bcab2

 

Si­mone Meier, Au­to­rin, Ko­lum­nis­tin und Kul­tur­re­dak­to­rin (WoZ, Ta­ges­an­zei­ger, ak­tu­ell bei wat­son), kommt, wie fast alle in Zü­rich, aus dem Aar­gau. Ge­bo­ren wurde sie al­ler­dings 1970 in Lau­sanne. 1998 war sie Her­aus­ge­be­rin von «Do­mino – ein Schwei­zer Li­te­ra­tur-Rei­gen» mit Bei­trä­gen von Ruth Schwei­kert, Klaus Merz, Ger­trud Leu­ten­egger, Erika Bur­kart u.v.a. 2000 ver­öf­fent­lichte sie ih­ren ers­ten Ro­man «Mein Lieb, mein Lieb, mein Le­ben», 2005 er­schien ihre Ko­lum­nen­samm­lung «Mei­ers Best». Da­nach hatte sie keine Idee für ein wei­te­res Buch. Bis jetzt.


30c923036f047de71acf35568d927b24

 

Si­mone Meier: Flei­sch. Ro­man. 256 Sei­ten.
Zü­rich / Ber­lin: Kein & Aber 2017.
VÖ: 31.1.2017.

Buch­ver­nis­sage: 6.3.2017 im Kauf­leu­ten Zü­rich