Was bis­her ge­schah

Wie spricht man über 2016? Re­kla­mie­ren oder sen­ti­men­tal wer­den kann man an­dern­orts. Die li­te­ra­ri­sche Schweiz hat im ver­gan­ge­nen Jahr ihre ganz ei­ge­nen Spu­ren hin­ter­las­sen, de­nen sich nach­zu­ge­hen lohnt. Zu­min­dest dann, wenn man ver­ste­hen möchte, was folgt.

Prä­gend für das ver­gan­gene Schwei­zer Buch­jahr wa­ren ei­ner­seits die Ver­hand­lung weib­li­cher Iden­ti­täts­ent­würfe, an­de­rer­seits eine über­ra­schende Wie­der­an­nä­he­rung an die Tra­di­tion des Ma­gi­schen Rea­lis­mus. Dass Mi­chelle Stein­becks De­büt Mein Va­ter war ein Mann an Land und im Was­ser ein Wal­fi­sch zum Reiz­punkt der öf­fent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung wer­den konnte, lag we­ni­ger an der in­dis­ku­ta­blen Skan­da­li­sie­rung ad ho­mi­nem, son­dern daran, dass Stein­becks Text die bei­den ge­nann­ten Dis­kurse am kon­se­quen­tes­ten zu­sam­men­führte. Die un­ab­schliess­bare Selbst­fin­dung ih­rer Lo­ri­beth hatte na­tür­lich et­was Ge­walt­sa­mes, in­so­fern sie nicht die Fi­gur, son­dern ihre Um­ge­bung dem Wand­lungs­pro­zess der Ado­les­zenz un­ter­warf, Land­schaf­ten und Kör­per ver­formte, aus­ein­an­der­nahm und neu zu­sam­men­setzte. Alte Schule, auf klei­nem Raum be­mer­kens­wert schön um­ge­setzt. Viel­leicht war die Coda, dass auf dem Grunde die­ser Reise der ab­sente Va­ter schlum­mert, et­was zu­viel des Freu­dia­ni­schen. In­des­sen stand Stein­beck auch mit die­ser Volte nicht al­leine im Toni Erd­mann-Jahr. Auch Re­becca C. Schny­ders Erst­ling Al­les ist bes­ser in der Nacht liess seine Prot­ago­nis­tin Billy prä­zise um die vä­ter­li­che Leer­stelle ex­zes­siv herum ran­da­lie­ren. Keine Elek­tra, statt­des­sen ein ve­ri­ta­bler Anti-Ödi­pus: ein to­ben­des, vul­gä­res, zer­brech­li­ches und la­tent bu­li­mi­sches Es. Apro­pos: Wo­her die in den Fik­tio­nen fe­mi­ni­ner Kri­sis in jüngs­ter Zeit auf­fäl­lige Af­fi­ni­tät zum Es­sen kommt, wer­den wir kom­mende Wo­che mit Si­mone Meier be­spre­chen.

Nicht un­er­wähnt blei­ben darf in die­sem Kon­text ein wei­te­rer Ro­man, der im Licht ei­ner zer­split­tern­den weib­li­chen Bio­gra­phie eine selt­sam un­wirk­li­che Stadt – in die­sem Falle Bern – ent­ste­hen lässt: Sa­bine Hun­zi­kers Flie­ger stö­ren Lang­schlä­fer. Auch Hun­zi­kers Ju­dith be­fin­det sich im Kampf um ih­rem Raum – ein Miets­haus -, viel­mehr aber auch im Kampf um den so­zia­len Raum, in dem sie zwei Fi­gu­ren aus­ge­lie­fert ist, die recht kon­kret auf ihre emo­tio­na­len und in­tel­lek­tu­el­len Be­dürf­nisse be­zo­gen sind – und sie doch zu­gleich aus­sau­gen. Aus der Über­la­ge­rung von Stadt­to­po­gra­phie, Psy­cho­dy­na­mik und reich­lich Bil­dungs­zi­tat ent­steht so nach und nach eine er­staun­lich be­rüh­rende Chro­nik der Er­schöp­fung, der auf mitt­lere Sicht viel mehr kul­tur­his­to­ri­sche Be­deu­tung zu­kom­men könnte, als sie in den Feuil­le­tons er­fah­ren hat. Das Pu­bli­kum des Buch­jahr-Li­te­ra­tur­clubs «5/16» hatte das ent­spre­chende Ge­spür und hat Flie­ger stö­ren Lang­schlä­fer zum in­ter­es­san­tes­ten Text 2016 ge­wählt. Un­mit­tel­bar vor ei­ner wei­te­ren Haus­lie­fe­rung aus dem Reich des Ima­gi­nä­ren üb­ri­gens, näm­lich Die­ter Zwi­ckys bio­gra­phi­schem Dop­pel Hihi – mein ar­gen­ti­ni­scher Va­ter, des­sen Stärke frei­lich mehr in der Mi­nia­tur zu su­chen ist. Aber ums Es­sen geht es auch da ein­mal mehr. Stich­wort Plata-Rin­der.

Was gab es sonst noch Be­mer­kens­wer­tes? Ein drit­tes star­kes De­büt in je­dem Fall: Frédé­ric Zwi­ckers Ger­ia­trie­ro­man Hier kön­nen Sie im Kreis ge­hen, der ei­nen tie­fen Blick in die de­mente Welt wagt und da­bei we­der zy­ni­sch noch rühr­se­lig wird, son­dern sehr sou­ve­rän und ernst­haft das Pfle­ge­heim zu ei­nem wür­di­gen Er­zähl­kos­mos wer­den lässt. Nicht ganz so spek­ta­ku­lär, aber den­noch au­gen­fäl­lig er­schien uns über das ge­samte Jahr hin­weg die Kon­junk­tur des Su­jets «vir­tu­elle Af­färe», am ge­konn­tes­ten wohl um­ge­setzt in Mi­reille Zin­dels Kreuz­fahrt. Auch die­ses Thema ver­schwin­det so schnell wohl nicht wie­der von der Agenda; die Si­gni­fi­k­anz die­ses Nar­ra­tivs bleibt zu klä­ren.

Skan­dale? Keine ech­ten. Der um Ro­man Grafs Mäd­chen für Mor­ris blieb so­gar ganz aus. Ein biss­chen Auf­re­gung gab es um Jo­nas Lü­schers At­ta­cke auf Pe­ter Stamms Li­te­ra­tur­ver­ständ­nis Ende Ok­to­ber (Stamms Re­plik dazu hier). Jen­seits von Res­sen­ti­ment und Auf­re­gung liesse sich dar­aus im­mer noch eine schöne De­batte bas­teln, denn die Frage, wie «po­li­ti­sch» Li­te­ra­tur sein darf und vor al­lem: wie Li­te­ra­tur po­li­ti­sch wird, ist in ei­nem Klima, das in­tel­lek­tu­el­les En­ga­ge­ment so­wohl for­dert wie stig­ma­ti­siert, von höchs­ter Vi­ru­lenz. Geht es wirk­lich noch um «lit­té­ra­ture en­ga­gée»? Oder muss der so­ziale Bei­trag der Li­te­ra­tur, wie Stamm un­ter Be­zug­nahme auf Tim Parks na­he­legt, ge­rade im Ab­ste­hen vom Zeit­geist ge­sucht wer­den? Beide Per­spek­ti­ven wer­den wir be­leuch­ten; Lü­schers Ende Ja­nuar er­schei­nen­der Ro­man Kraft wird uns den ers­ten An­lass dazu ge­ben. Mit Span­nung war­ten wir un­ter­des­sen auch auf den mitt­ler­weile schon sa­gen­um­wo­be­nen Ha­g­ard-Ro­man von Lu­kas Bär­fuss, auf No­ëmi Lerchs Grit, auf Mi­chael Fehrs Glanz und Schat­ten so­wie auf Chris­toph Höht­kers Ab­schluss der Frank-Strem­mer-Tri­lo­gie, die un­ter dem Ti­tel Das Jahr der Frauen im Herbst er­schei­nen soll.

Und schliess­lich bleibt: Chris­tian Kracht, der wohl hel­ve­tischste Schrift­stel­ler un­se­rer Zeit, als der er aber erst noch ent­deckt wer­den mus­ste. Das ist im Üb­ri­gen ganz und gar nicht iro­ni­sch ge­meint und be­zieht sich auch nicht auf Krachts for­mi­da­bles Bern­deut­sch, son­dern auf die bra­chiale Kühl­heit, mit der er in sei­nen Tex­ten im­mer wie­der – auch und ge­rade in sei­nem mit dem Schwei­zer Buch­preis aus­ge­zeich­ne­ten Ro­man Die To­ten – die Schweiz als Ge­schichts­la­bor nutzt. Und da­mit den Weg für eine li­te­ra­ri­sche Re­pro­gram­mie­rung des Lan­des eb­net. Nicht al­len mag dies ge­fal­len; aber ins­be­son­dere für die jün­ge­ren Schwei­zer Au­to­rin­nen und Au­to­ren, man wie­der­holt sich, kann Kracht zu ei­ner ech­ten Leit­fi­gur wer­den – wenn er es denn nur will. An­ders als Fri­sch und viel­mehr im schar­fen Ge­gen­satz zu die­sem eta­bliert Krachts Er­zäh­len den dis­tan­zier­ten, man möchte sa­gen: den neu­tra­li­sie­ren­den Blick nicht als Sym­ptom ei­ner neuen «ma­la­die su­isse», die man drin­gend ku­rie­ren müsste, son­dern das ge­gen­über der Mo­derne und ih­ren Ver­wer­fun­gen ein­zig ad­äquate Dia­gnos­ein­stru­ment. In Ta­gen, in de­nen je­der zweite Jah­res­rück­blick die 1930er wie­der her­auf­be­schwört und in de­nen viel von der Spra­che des Fa­schis­mus die Rede ist, darf man sich daran er­in­nern, dass es Krachts Ro­mane wa­ren, die all diese Pro­zesse längst un­ter dem Mi­kro­skop be­ob­ach­tet hat­ten. Viel re­le­van­ter kann Li­te­ra­tur nicht sein.

P.S.: Wer hier die ita­lie­ni­sch-, fran­zö­sisch­spra­chige und rä­to­ro­ma­ni­sche Li­te­ra­tur ver­misst, der darf sich auf die kom­men­den Wo­chen freuen, in de­nen wir von kom­pe­ten­ter Seite ver­fasste Be­stands­auf­nah­men aus dem Tes­sin, dem Bünd­ner­land und der West­schweiz lie­fern wer­den. Glei­ches gilt für das Spek­trum der Schwei­zer Ge­gen­warts­ly­rik, die – wie ei­gent­lich im­mer – im ver­gan­ge­nen Jahr zu kurz kam.


Kurz­fas­sung – un­sere völ­lig sub­jek­tive Short­list 2016:

9783902711526xxlchristian-kracht-die-toten Schnyder-Nacht-US-Final-uc.inddcoverr_steinbeck_mein-vater-war-ein-mann-an-land Zwicker_Kreis_gehen_125x205_HCSU_P06DEF.indd

Im Blick­feld:


Was ver­mis­sen Sie? Wir de­bat­tie­ren gerne – in der Kom­men­tar­spalte dar­un­ter.