Grosse Liebe rechtfertigt alles

Über Tom Kummer wurde in den vergangenen Monaten bereits heftig allerorten diskutiert. Auch seine Einladung zu den Literaturtagen gab unter manchen Besuchern Anlass zur Diskussion. Mancherorts, insbesondere unter Kummers journalistischen Kollegen war mit einer gewissen Regelhaftigkeit die Rede vom „Plagiator“; andere beargwöhnten Kummers Interpretation dessen, was ein Autor so sein kann, so dass man vorab vor allem einen Eindruck gewinnen konnte: Kummer stört. Kummer stört – und abgesehen davon, dass er die Rolle des Störfaktors bestens kennt und entsprechend gut interpretieren kann, konnte seine Präsenz der Gesamtveranstaltung nur gut tun.

Angetreten war Tom Kummer mit „Nina und Tom“, der Bilanz einer Liebe, dem „schonungslosen Bericht auf Kosten“ seiner 2014 verstorbenen Frau, wie es im Abgang des Buches heisst. Dass es sich dabei um einen durchaus komplexen und schon gar nicht unter „more of the same Kummer“ zu verbuchenden Text war schon an dieser und an anderer Stelle nachzulesen; gleichwohl gab es selbstverständlich den Versuch, „Nina und Tom“ erst einmal mit einer Plagiatssoftware zu durchforsten und die Funde dann als spontane Entdeckungen des eigenen Lesegedächtnisses zu inszenieren.

Wie dem auch sei: Kummer las. Zunächst von der ersten Begegnung der Liebenden Anfang der 80er im Club „Otto Zutz“ in Barcelona, dann – nach einem Sprung von 30 Jahren – von den letzten Stunden, der letzten Nacht, dem Morgen, an dem Nina stirbt und von den Bestattungsgehilfen abgeholt wird. Sichtlich berührt durchquert Kummer diese Passagen. Später wird er auf Pablo Hallers Nachfrage, warum er diesen literarischen „Verrat“ begangen habe, antworten, dass „grosse Liebe alles rechtfertige“ und man nimmt ihm ab, dass er es genau so meint, wie er es sagt.

Erneut sieht sich Kummer, wie er im Gespräch einräumt, vor die Aufgabe gestellt, sich von einem alten Leben lösen zu müssen. So, wie er einst als Schulabbrecher sich in der Burgerbibliothek das Rüstzeug besorgte, um Bern hinter sich zu lassen und erst in Berlin, später dann in Los Angeles zu einem Exponenten des Borderline-Journalismus zu werden – so muss Tom Kummer jetzt, ohne Nina, wieder in Bern von Neuem beginnen, sich neu erfinden. Anderes schreiben und wohl auch anders schreiben. Oder vielleicht auch andere Dinge tun. Gerade hat er den Kunstpreis von Holligen zugesprochen bekommen.

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