Aufgeweichte Welt

Julia Weber ist mit „Immer ist alles schön“ eines der wichtigsten Bücher des Frühjahrs gelungen. Die teils märchenhaft verfremdete, doch stets genau beobachtete Geschichte von Anais, die sich und ihren kleineren Bruder Bruno durch das heitere bis manische Leben mit einer alkoholkranken Mutter manövriert, ist überzeugend an der Grenze zwischen Wahrnehmen und Erkennen gestaltet. Die Kinderperspektive wird durchgehalten auch dort, wo es wehtut und die Leserinnen und Leser längst verstehen, wo die Kinder noch hoffen. Ob es denn auch eine Version mit Happy End gegeben habe, fragt die bestens vorbereitete Moderatorin nach dem ersten Leseblock. Wider besseres Wissen habe sie stets darauf gehofft, den verletzlichen Kindern eile doch noch jemand zur Hilfe. Sie habe alle Varianten ausprobiert, bekennt Julia Weber, die sich als versierte Vorleserin und reflektierte Gesprächspartnerin präsentiert. Auch schlimmere seien darunter gewesen. Am Ende jedoch habe sich der Plot aus der Sprache entwickelt. Anais‘ Hoffnung, neben der vom Alkoholdunst der Mutter „aufgeweichten Welt“ warte noch eine weitere auf sie, muss der Text enttäuschen. Meisterlich hingegen führt Julia Weber in ihrem Debüt vor, wie von einer solchen aufgeweichten Welt auf stilistisch kompromisslose, aber gerade deshalb empathiefähige Weise erzählt werden kann. Trotz vieler Details ist kein Satz zu viel, kein Stimmungsbild bloss nett arrangiertes Dekor. Das trotz hochkarätiger Parallelveranstaltungen und Mittagszeit vollbesetzte Theater lässt darauf schliessen, dass Julia Webers Können sich bereits herumgesprochen hat. Tant mieux!

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