«Ich schreibe, um zu erkennen.»

Die vierzigsten Solothurner Literaturtage sind Geschichte. Das Buchjahr hat ausführlich berichtet. Aber noch längst ist nicht alles gesagt. Zum Beispiel vom und zum energischen Schweizer Poeten Christian Uetz. Marco Neuhaus hat ihn in Solothurn getroffen, um mit dem Zürcher Dichter und Romancier über seinen neuen Gedichtband, Martin Heidegger und James Baldwin zu sprechen.

Solothurn, Take 4

Christian Uetz ist schon das vierte Mal in Solothurn, 1998 mit «Nichte», 2002 mit «Don San Juan», 2011 mit «Nur Du, und nur Ich». Und jetzt mit seinem neuen Gedichtband «Engel der Illusion». Ich steige mit dem Einstieg ein und frage Christian Uetz, wie ihm die Eröffnung am vergangenen Tag gefallen habe. Ganz im erwartbaren Rahmen sei die verlaufen; ein paar gute Lesungen, besonders Judith Keller habe ihm gefallen. Ein wenig viel Cello und Karikatur, das habe fast so viel Raum gehabt wie alles Lesen. «War aber in Ordnung. Kann man so stehen lassen.»

Er wird sich noch einige seiner Kollegen anschauen in der Zeit bis Sonntag. Melinda Nadj Abonji, Judith Keller, Arno Camenisch, John Banville. Ob es ihm generell wichtig sei, auch in der Nähe einer Gegenwartsliteratur zu bleiben? Das sei gar nicht der Punkt, sondern: «Es ist eine Art Austausch. Es geht mir nicht darum, dass ich jetzt gegenwartsbezogen bin». Insofern ihn ja trotzdem alles auch als Schreibenden inspirieren könne. Angesprochen auf die Bedeutung der Solothurner Literaturtage wägt er ab: «Für die Seele der Schweizer Literatur ist Solothurn schon sehr wichtig, es bringt auch viele Neuerscheinungen – fürs Internationale ist es völlig belanglos. Man trifft auch immer viele Leute,  die man kennt. Kollegen. Ich finde es lustig.»

Durch Philosophie ins Feuer gekommen

Vieles am Werk von Christian Uetz lässt philosophische Reflexion erkennen. «Im weitesten Sinne», so sagt er, «schreibe ich zum Erkennen, und das Erkennen befördert wieder das Schreiben. Das ist urphilosophisch, zugleich gehöre ich aber mehr ins Literarische als ins Philosophische – es geht nicht um die wissenschaftlich-theoretische Philosophie. Es ist immer aus meinem Leben, und soll es auch bleiben. Deswegen ist es auch mehr Literatur. Mit Heidegger und Nietzsche hat das angefangen. Mit 20 habe ich die gefressen. Mehr als das: Die haben mich irre gemacht vor Begeisterung und auch vor Obsession. Beide. Mein Schaffen ist aus denen erst ins Feuer gekommen. Von da aus dann die gesamte Philosophie, und das Literarische ebenso.»

Die Auseinandersetzung damit hat sich gerade am Anfang besonders in Gedichtform vollzogen – weniger in formalisierten Gedanken. Das Musikalische im Schreiben war immer präsent: «Sprache ist etwas sehr Leibhaftiges. Darum spricht das Materielle in der Sprache auch aus unserem Leib. Und dann sind es auch Anklänge ähnlicher Worte, die auch unser Gemüt in seltsam ähnlicher Weise bestimmen.»

Wichtig ist ihm dabei aber, dass es nicht um erstbeste Assoziationen geht. Es interessiert ihn nur, wenn es sich wirklich zusammen verdichtet. «Bedeutungen bekommen dadurch eine gewisse Nähe. Die steigern unter Umständen das Paradox, und das ist dann wieder intensivierte Energie».

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«Wenn ich ablese, dann lüge ich.»

Um Energien geht es auch ganz zentral bei den öffentlichen Auftritten von Christian Uetz, die als schlechterdings unvergesslich gelten. Vor drei Wochen hatte er beispielsweise seine Premiere im Zürcher Kaufleuten.

«Das ist, glaube ich, eine sehr gute Repräsentation meiner Art der Energie, die einerseits ruhiger geworden ist – und am Schluss mache ich noch ein Furore aus älteren Sachen, wo ich dann so richtig überstürze und überdrehe.»

Er trägt dabei prinzipiell immer auswendig vor. Nur bei den Romanen hat er ganz selten einen Dialog abgelesen, aber sobald es wieder ins Monologisieren oder ins Poetisieren geht, trägt er wieder frei vor. Improvisiert wird dabei aber nicht – er trägt seine Texte ganz wortgetreu vor, genau durchkomponiert. Einfach Ablesen war schon bei seinem frühen Schaffen nie eine Option. «Von Anfang an habe ich gedacht: Wenn ich ablese, dann lüge ich. Schon vor dem allerersten Auftritt habe ich mir gedacht, ich brauche den Kontakt mit dem Publikum. Ich sage dem Publikum etwas. Und wenn ich es ablese, mache ich zu. Ich brauche den direkten Kontakt, mit den Augen, wenn ich spreche. Darum bin ich da auch von Anfang an zwanghaft gewesen.»

Das ist auch immer besser gegangen: «Das ist wie ein Instrument, dass du immer besser spielen kannst.» Und zwar zu durchs Band sehr guten Publikumsreaktionen. Am Anfang war er noch viel atemloser: «Da habe ich wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma, alles aus mir geschleudert. Jetzt gibt es auch ganz ruhige Momente, in denen ich auch Pausen zulasse.»

Sein freiestes Buch?

Der «Engel der Illusion» sei sein bisher freiestes Buch. «Noch nie hatte ich so sehr das Gefühl, überhaupt kein Buch mehr schreiben zu müssen. Nach dem letzten habe ich gedacht, vielleicht schreibe ich nie wieder. Und dann sind mir diese Gedichte gewachsen, ohne dass ich’s gedacht hätte. Ich habe auch nach dem letzten Gedichtband vor 14 Jahren das Gefühl gehabt, ich schreibe eh keine Gedichte mehr. Umso schöner ist es geworden, dass das wieder zurückgekommen ist. Ich bin überzeugt davon, dass das jetzt zu einer neuen Dimension in meinem Schaffen geführt hat. Zu einem Maximum auch. Das hat auch Felicitas Hoppe, die mich im Kaufleuten moderiert hat, ausgezeichnet herausgearbeitet. Und dann kommt der völlige, brutale Totalverriss in der NZZ». Er lacht. Der Rezensent habe halt  gerade das Gegenteil von dem behauptet, was er selbst diesem Gedichtband habe zusprechen wollen. «Der findet es ein schlechtes Buch.»

Wie er auf so etwas reagiere?

«Im ersten Moment tut es wirklich einfach weh. Verdammt nochmal, das stimmt einfach nicht. Es ist ignorant zu sagen, es seien nur Plattitüden. Das hat mit Pseudo nichts zu tun. Wie durchdrungen und wie vollverständlich das ist, was ich mache, bezweifelt keiner, der mich je gehört hat, würde ich meinen. Dann muss wiederum akzeptieren, dass Leute sich ärgern. Mein Schreiben hat im weitesten, und auch im engsten, Sinn ein religiöses Pathos. Das kann ärgern, das kann abstossen, und dann ist auch klar, dass man so ein Buch verachtet. Denke ich.»

Ein humorloser Dichter ist er deswegen allerdings noch lange nicht. Trotz dieses Pathos finden sich auch Aberwitz und Spiel in seinen Büchern. «Das ist mir sogar sehr wichtig. Wenn man das Spiel ganz verlässt, verlässt man auch den Ernst. Es ist auch völlig lächerlich, manchmal, bewusst lächerlich.»

Das grösste Buch kommt noch

Auch so kurz nach der Veröffentlichung von «Engel der Illusion» ruht Christian Uetz nicht; einige neue Gedichte sind bereits entstanden. Aktuell ist er aber vor allem dran, Gedanken aus seiner allerersten Zeit heraufzuholen und neu zu bearbeiten, «Wie eine Steingrube, mit der ich jetzt arbeite. Mein ganzes schreibendes Leben. Das ist viel. Das gibt ein sehr umfangreiches Werk. In der Art von «Sunderwarumbe», aber mit vielen Gedichten drin. Die gab es dort zwar bereits auch schon. Ebenen, in denen diese Gedanken oder diese Gedichte so da stehen, wie sie damals geschrieben wurden; und eine Ebene, die darum herum beschreibt, was noch alles war, und was mir alles durch den Kopf geht.»

Bis ins Jahr 1984 geht er dafür zurück. Einen bestimmten äusseren Anlass dafür gibt es nicht, die Sachen sind in ihm einfach wieder aufgestiegen. Schon bei «Sunderwarumbe» ist er in einem gewissen Sinn zurückgegangen, zu der ersten Begegnung mit diesem Hieronymus Sunderwarumbe. Sein neues Projekt wird wahrscheinlich mit Abstand sein grösstes. «Schon nur das Material umfasst gegen 200 Seiten. Es könnten 400 oder 500 Seiten werden».

Wie darf man sich seine Arbeitsweise vorstellen, wenn er von einer reflektierten, durchdachten philosophischen Position aus komme, aber gleichzeitig auch von der unmittelbarer erfahrbaren sinnlichen Schicht von Sprache? Wie wird daraus ein Schaffensprozess?

Seine Gedichte schreibe er oft eruptiv. «Manchmal kommt im Zug oder beim Laufen einfach etwas, bei dem ich das Gefühl habe: Das möchte ich jetzt festhalten. Ein Satz. Und der wächst dann weiter, und er kann zu einem Gedicht sich spinnen.» Bei seinen Romanen («den sogenannten», fügt er an), sei es weniger eruptiv, eher ein Fluss.

Dennoch geht er beim Schreiben nicht beliebig vor: «Bei «Sunderwarumbe» habe ich schon in etwa gewusst: Es soll anfangen mit der ersten Begegnung zwischen den beiden und enden mit dem Tod von Sunderwarumbe. Bei «Es passierte» wusste ich lange nicht, wie der Schluss sein soll, aber dass es darum geht, diese Erfahrungen zwischen Schwangerschaft und freier Liebe auch in den Ablauf einer Geschichte zu bringen, das war von Anfang an wichtig.»

Neu für sich entdeckt hat er vor kurzem «Go Tell It On the Mountain» von James Baldwin. Daran reizt ihn «natürlich auch die permanente Auseinandersetzung mit dem Religiösen, mit dem Leiden daraus, und mit der Leidenschaft. Das ist so eindringlich. Und seine Sprache hat biblische Kraft. Ein Sog, so möchte ich es sagen. Das ist jetzt gerade das neuste, aber ich lese immer, sei es Philosophisches oder Literarisches. Wie viele aus unserer Zunft lese auch ich gerne». Er lacht.

In der Schweiz kommt für ihn jetzt noch das Berner Literaturfestival, bei Zürich liest wird er auch wieder sein. «Und hoffentlich wird sich das Basler Literaturfestival auch noch melden.» An den Auftritten ist ihm ohnehin viel gelegen: «Weil ich eh auch gern Präsenz und Energie meines Auftritts vermittle. Wenn es einigermassen eine Responsion gibt, dann liebe ich es. Es ist wie Tanzen gehen können.»


Christian Uetz: Engel der Illusion. Gedichte. Zürich: Secession 2018, 122 S., 26 CHF.