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Cavelty Franz Klammer

Er hat es schon wieder getan. Gion Mathias Cavelty bleibt auch in seinem neuen Roman das unbeirrbare Enfant terrible der Schweizer Literatur.

Man nehme Douglas Adams’ auktorialen Erzähler aus «Per Anhalter durch die Galaxis», füge eine arglose Figur wie Terry Pratchetts «Zweiblum» hinzu, lege das löchrige Tablett einer Heldenreise darunter, streue Sexualisierungen und eine Prise Komik drüber, unterhebe es unvorsichtig mit Verschwörungstheorien und esoterischen New-Age-Konzepten des letzten Jahrhunderts, fülle den Kern mit Tabubrüchen …und erhalte schliesslich Gion Mathias Caveltys neuen Roman «Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete»Eine Odyssee durch die Weltgeschichte und wieder zu den Anfängen zurück.

Während der Olympischen Winterspiele springt der glorifizierte Abfahrer Franz Klammer aus der Hocke, gleitet durch den Nebel und landet im Jahr 33 auf Jesus Christus, der wie ein Ballon platzt und stirbt. Er begegnet Johannes dem Täufer, d.h. dessen lockigem Kopf, und gemeinsam erblicken sie in der Wüste 448 tote Franz Klammers, die den Sprung nicht überlebt hatten. Das ungewöhnliche Duo begibt sich daraufhin mittels einer Zeitmaschine auf eine Reise durch die Vergangenheit. Mit jedem Zeitsprung zurück landet Franz auf einer wichtigen männlichen Person des jeweiligen Jahrtausends, die somit stets getötet wird. Sieben Mal und sieben Mal in gleicher Reihenfolge. Das Ziel ist die Rückkehr zum Nullpunkt, damit die Welt in einem Urakt neu erschaffen werden kann.

Gion Mathias Cavelty versammelt bekannte Motive aus der Literaturwelt, verpackt sie aber in einen «höchst fiktiven Roman», der unerwartet einschlägt. Während Caveltys Debütroman «Quifezit oder Eine Reise im Geigenkoffer» (1997) sich mit Lewis Carolls «Alice im Wunderland» zu messen versuchte und zumindest die Form eines Romans wahrte, behält des Autors neustes Werk zwar die Idee des Durchschreitens einer Pforte in eine andere Welt, hat aber stilistisch mit Caveltys literarischen Anfängen nichts mehr gemein. Er will mehr.

So vollendet dieses im Jahr 2017 geschriebene Buch die Andouillette-Triologie und folgt auf Die Andouillette oder Etwas Ähnliches wie die Göttliche Komödie (2009) und Die letztesten Dinge (2010). Geschrieben ist es in einer leichten und verständlichen Sprache, wobei häufig der Anschein einer Livedokumentation aus dem Fernsehen erzeugt wird. Satzfragmente wechseln sich staccatoartig mit dokumentierenden Absätzen ab, manch ein naturalistisch angehauchter Dialog im Kärntner-Dialekt und niederer Lexik entlockt dem Leser einstweilen ein ehrliches Schmunzeln. Virtuos projiziert der Autor die absolute Gegenwärtigkeit ebenfalls auf die Schriftebene –  bald wird die Peripetie des Buches und die Erleuchtung Franz Klammers durch ein riesiges «… OMMM …», das nonchalant zwei leere Seiten in Anspruch nimmt, dargestellt, bald kräuselt sich der Text in Wellenlinien vor den Augen der Leserschaft und gleicht wahrhaftig fliegenden Gedankenfetzen.

Zum Autor

Photographie © Daniela Wegmüller.

Die beiden Hauptfiguren verbleiben bis zum Schluss im fixen Figurenschema «Tourist» (Franz) und «Mentor» (Johannes), eine Charakterentwicklung ist kaum sichtbar. Cavelty webt geschickt einige Etappen einer klassischen Heldenreise ein, dass aber auf einige verzichtet wird, gleicht einem aus zwei Karten bestehenden Kartenschloss. Insgesamt ist eine Drei-Akt-Struktur des Plots erkennbar, indes der Erzähler, leider und oft, wie der schusselige Detektiv Columbo gedankenverloren seine Hand in die Luft hebt und mit einem «just one more thing…» auf den Lippen sich abermals in den sorgfältig recherchierten Verschwörungstheorien und den Niederungen der Esoterik verliert und die Erzählung verdrängt.

Dem ohnehin schon mit messerscharfen Fakten bewaffneten 21. Jahrhundert tritt ein 137-seitiger Schleifstein entgegen und offenbart den Blindfleck unserer Gesellschaft – die Überinformation, in der Trug und Wahrheit ineinander verschmolzen sind. Dass gerade ein Schweizer Schriftsteller Bernhard Russi zugunsten Franz Klammers des Rampenlichtes beraubt, erscheint nun weniger skandalös: Für Cavelty ist die Symbiose zwischen Karikatur und Uchronie der einzige Ausweg, gleichsam wird ein subversiver Keim in die Glaubenssätze der Leser gelegt. Ferner scheint, dass die gelungene Inszenierung und Konstruktion des Romans stets von der expliziten und sexualisierten Betonung des Männlichen überschattet werden. Daraufhin die Frage: Tabubruch als Selbstzweck oder ein Spiegel unserer von Männern dominierten Gesellschaft?

Letzten Endes bekundet der Biss in Caveltys süss-sauere Hybridfrucht aus Roman, phantastischem Reiseführer und einem «Finger weg von diesem Buch!»-Buch (Jan van Helsing) nun doch im Abgang eine simple, nichtsdestotrotz essentielle Prämisse – jeder ist Franz Klammer und jeder ist der Schöpfer seiner Welt.


Cavelty Klammer

Gion Mathias Cavelty: Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete. Ein höchst fiktiver Roman. Zürich: lectorbooks 2018, 144 S., 20 CHF.