Kleines Kino

Stephan It's all true

Carmen Stephans zweiter Roman «Itʼs all true» zieht einen veritablen Kinostoff nicht in die Breite, sondern in die Höhe. Die Suche nach der «Wahrheit» verläuft dabei nicht ganz so gradlinig, wie das schmale Buch vordergründig verspricht.

Jangadas sind primitive Schifferboote, die aus kaum mehr als einigen zusammengebundenen Stämmen bestehen. Raw, um es spätmodern zu sagen. Doch bereits lange vor der Sehnsucht nach dem Unverschnittenen und Authentischen gaben diese Flösse den Fischern in Brasiliens armem Nordosten einen stolzen Namen: Jangadeiros.

Vier solcher Jangadeiros machten sich im Weltkriegsjahr 1941 auf eine gefährliche Reise. 2000 Kilometer die Küste hinab, zum Präsidenten nach Rio.  Auf einem kollektiv gezimmerten Floss, um für «alle Fischer aus dem Nordosten» und ihre Kinder auf die erbärmlichen Lebensbedingungen aufmerksam zu machen. Andere Handlungsmöglichkeiten sehen sie nicht, und so muss die Fahrt in den Augen der Fischer einfach das Richtige sein. Raw.

Carmen Stephan

Zur Autorin

Carmen Stephan, geboren 1974, wohnt in Genf. Sie lebte als Autorin für mehrere Jahre in Rio de Janeiro, wo sie zufällig auf die Geschichte von Orson Welles und dem Fischer stieß, die ihr neuer Roman «It's all true» erzählt. 2005 erschien der Geschichtenband «Brasília Stories». Für ihren ersten Roman «Mal Aria» wurde sie mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung 2012 und dem Debütpreis des Buddenbrookhauses 2013 ausgezeichnet.

Der erste Mediencoup gelingt: Als die vier Ausgezehrten Rio erreichen, werden sie vor den Augen der Weltpresse vom Präsidenten empfangen. Versprechungen werden gemacht, Begehrlichkeiten geweckt. Unter anderem bei Orson Welles, der das Geschehen von Hollywood aus verfolgt. Und unbedingt nachdrehen will. Ein exotistischer Südamerikafilm ist von der Regierung angesichts des noch unklaren weiteren Weltkriegsverlaufs bereits in Auftrag gegeben. Wells als amtlich bestellter «Goodwill Ambassador» plant eine dreiteilige Dokufiktion unter dem Titel «It´s all true“. Deren dritter Teil soll die Heldengeschichte der vier Fischer erzählen. Doch der zweite Mediencoup misslingt: Beim Re-Enactment der glücklichen Landung fällt einer der Fischer, Jacaré genannt, kaum fünfzig Meter vor der Küste ins Wasser und ertrinkt. Wells verfolgt das nun endgültig verfluchte Projekt nicht weiter; die Filmrollen ereilen teils abenteuerliche Schicksale, die wiederum Stoff für ausgiebige Recherchen und Dokumentationen liefern.

Grosses Kino verspricht dieser Stoff nicht allein wegen seiner exotischen Motive, der perfekten Balance von Mikro- und Makrogeschichte, Fakten und Fiktionen, Tragik und Ironie, der Durchkreuzung von Aufrichtigkeit und Kalkül, der Frage nach Handlungsfähigkeit, Schicksal und Kontingenz. Grosses Kino verspricht er auch – einem Christian Kracht wäre der Stoff zweifelsohne eine Steilvorlage gewesen – als Reflexionsraum einer Gesellschaft des Medienspektakels, als Beobachtung von Beobachtung zweiter Ordnung, als willkommener Anlass zu weit ausholenden cineastischen und zeitgeschichtlichen Streifzügen durchs Archiv.

Einfach, alles

An all diesen ebenso vorgezeichneten wie en detail unabsehbaren Wegen schlendert Carmen Stephans zweiter, kaum hundert Seiten starker Roman gleichmütig vorbei. Angelegt sind die Spuren alle, ausgeleuchtet werden muss keine. Ergebnisse interessieren die Erzählerin nur in ihrem Umriss, nicht in ihrer Genese: Alles hängt zusammen, alles ist einfach. Dieses vor allem an der Figur des bescheidenen Jacaré entwickelte Credo steht ebenso quer zur spätmodernen Doxa, alles sei schwierig und komplex bis zur Undurchdringlichkeit, wie auch die schlichte, aber eindringliche Rede von der «Wahrheit», dem «Leben», dem «Guten» oder der «Ungerechtigkeit» sich den Vorwurf epistemischer Blauäugigkeit geradezu erbettelt. Und mild lächelnd an sich abprallen lässt. Dafür verantwortlich zeichnet weniger der von einigen offensichtlich berührten und davon sogleich beschämten Kolleginnen und Kollegen ins Feld geführte souveräne Prosastil der in Genf lebenden Autorin. Sondern vielmehr die vom Text nicht nur behauptete, sondern performativ vor Augen gestellte Erfahrung all dessen, was der Spätmoderne nicht erst seit gestern nur mehr als melancholische Verlusterinnerung zugänglich sein soll: Zusammenhänge? Agency? Eindeutigkeit? Versenkung? Fügung?  Empathie? Gemeinschaft? Alles ebenso begehrt wie bespöttelt. Alles jedoch immer noch zu haben, «all true», behauptet Carmen Stephans Roman – aber eben nur in der Literatur. Und auch dort muss man es sich eben gefallen lassen.

Leben, lesen

Meisterhaft spielt Stephan beispielsweise durch, wie Jacarés Familie bei einem Raubüberfall um das ein Stockwerk höher schlafende Baby bangt, unerreichbar fern und doch viel zu nah: «Ihr Kind war nun alleine auf der Welt, und seine Welt war riesengross geworden.» Ein böses Märchen scheint auf, doch die Bedrohten finden ihre Ruhe in dem noch einfacheren Satz, es sei jetzt eben so, und fallen daraufhin «in ein tiefes Vertrauen, das stärker und gewaltiger war als alles, was sie jemals auf der Welt empfunden hatten». So leicht es fällt, derlei Sätze als hyperbolische Esoterik abzutun, als wohlfeile Beschwörung des Weltvertrauens schlichter Gemüter, so unabweislich ist in diesem Moment das Entscheidende längst unter der Hand geschehen: Um uns gegen die Figur zu stellen, haben wir als Leserinnen und Leser  der Erzählerin erst einmal vertraut; die Welt des Babys ist riesengross geworden in dem Moment, da es allein im Text auftaucht, und als geübte Leserinnen und Leser wissen wir auf Seite 22 sogar noch sicherer als die Figuren am Boden, dass die gute Macht der Erzählung noch eine Weile auf Jacarés Seite sein wird. Allen kritischen Vorbehalten zum Trotz, so die bescheidene Lektion dieses vordergründig aufs grosse Ganze zielenden Romans, gehen wir wenigstens im Feld des Romans noch immer mit einem Vertrauensvorschuss ans Werk, der auf Figurenebene dicht am Esoterischen angesiedelt wäre. So besteht die subtile, bei aller scheinbaren Apodiktik ins Offene führende Provokation von Stephans Text darin, in den vorprogrammierten Abwehrreflexen gegen die Weltfrömmigkeit ihrer Figuren und deren Erzählerin unsere eigene Leseweltfrömmigkeit vorzuführen: «Nur das Erzählte gibt es. Nur das Erzählte ist geschehen.» Dass in diesen zwei einfachen Sätzen Glanz und Elend, Auf- und Schiffbruch der Spätmoderne bis auf Weiteres unentwirrbar verflochten bleiben, begründet denn auch die existenzielle Erfahrung von Stephans schmalem Roman. Die selbstredend niemals dort zu finden ist, wo von existenziellen Erfahrungen die Rede ist oder diese gar mit grosser Geste beschworen werden. Sondern dort, wo die Geste Geste, die Beschwörung Beschwörung sein darf. Nennen wir es bis auf Weiteres: Literatur.


Stephan all true

Carmen Stephan: It's all true. 120 Seiten. Frankfurt a.M.: S. Fischer 2017. 23.90 CHF.