Zu-g-hörig-keit

Soldat Kértesz

Es wird gebacken im kleinen Raum der Buchhandlung Kosmos in Basel. Und bald strömt es auch warm aus dem kleinen Ofen im Raum, wo die kugelrunden und strahlend hellen Brötchen sich langsam dunkel färben. Fast wie die Rosenkartoffeln. Solche mit etwas Schweineschmalz im Ofen, das wäre ein Festessen, sagt Zoli einmal. Für einen Blumenliebhaber wie Zoli können es nur Rosenkartoffeln sein.

Zoli, das ist eigentlich Zoltán, Zoltán Kertész, oder Soldat Kertész, oder Soldat Zoltán Kertész, oder Idiotenschlappschwanz, oder Schöpflöffelidiot, oder Taugenichts oder Lump. Er ist stumm und spricht in Melinda Nadj Abonjis zweitem Roman Schildkrötensoldat seinen Monolog, den Monolog eines Verstummten.

Und der Abend im Kosmos ist Zolis Abend. Zoli ist ein empfindsamer junger Bursche mit blauen Kulleraugen, der Vater ein Eisenbahner und Trinker, die Mutter eine sich herumtreibende Tagelöhnerin. Und Zoli stottert, seit er einst dem Vater - und von diesem unbemerkt - bei vollem Tempo vom Motorrad gefallen ist. Das duftende Brot in Zolis Umhängetasche schützt ihn nicht vor der Realität. Nach dem Sturz sei er «aus heiterem Himmel ein verrückter Kerl geworden», wird ihm gesagt. Denn seither gibt es Momente, «wo die Dinge sich verschieben, in einander schieben» und in denen sich Zolis Körper zur Wehr setzt gegen die Machtworte des Vaters oder die institutionelle Rhetorik des Bäckermeisters, der ihn, als eines Nachts keine Löcher in den Teig kommen wollen, blutig prügelt. Zoli bekommt Schläfenzittern, epileptische Anfälle. Und die Eltern sind froh, dass sie ihn bei Beginn des Jugoslawienkriegs 1991 in die Armee abschieben können.

Gelungene Neuinszenierung

Zoli ist die Hauptfigur im Schildkrötensoldat, der nach 2014 nun zum zweiten Mal als Soldat Kertész inszeniert wird. Dass der Text nochmals auf die Bühne kommt, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Die Uraufführung hat auf traurige Weise gezeigt, wie man einen solch poetischen und sprachgewaltigen Text missverstehen kann. Ursina Greuel und ihr Format Stückbox gehen dies nun ganz anders an. Zwei Schauspieler, 15 Tage Probezeit, minimales Bühnenbild und der Text im Zentrum. Und das tut diesem nicht nur unheimlich gut, sondern zeigt darüberhinaus, dass Literatur und Bühne noch lange nicht in Widerspruch zueinander stehen müssen.

soldat kerteszDoch zunächst wird der Teig gemacht. Die Zuschauer, eng aneinander gepfercht, erleben im kleinen Raum der Buchhandlung am eigenen Leib mit, wie bei Robert Baranowski als Bäcker-Figur aus Mehl, Salz, Zucker und Wasser ein Teig wird, auf der Blumentischdecke vermischt, geknetet und geformt. Wie daraus der warme Laib der Pfannkuchenbrötchen und parallel dazu die Erzählung von Jonas Gygax als Zoli wird, der in der sinnlichen Welt der Wahrnehmungen Zuflucht sucht vor einer vergewaltigten Sprache und dem rechtslosen Raum der Armee.

Backen als Hoffnungsprinzip

Das Backen ist Hoffnungsprinzip in Soldat Kertész. Es könnte jene fehlende Wärme und auch die nötige weisse Bestäubung des «dreckigen Menschenlebens» des Vaters bringen, welche nötig wären, um dem Krieg und seiner Grausamkeit Einhalt zu gebieten. Denn im Teig vermengen sich all jene Dinge, welche die Militärrhetorik zwanghaft zu trennen und zu isolieren versucht.

In einem wahrhaftigen 70-minütigen Monolog sprudeln aus Zoli auf der Bühne die vielen «Anfänge vom Ende» hervor sowie die verzweifelten Erklärungsversuche jener Geschehnisse, die im Flickenteppich der Armeesprache gefangen bleiben. Dass Gygax‘ Wollpullover ein solches Flickmuster trägt, zeigt nur, wie sehr sich die opportunistisch zusammengewürfelte Militärsprache in die Alltagswelt und das Denken eines jeden einschleicht. «Jede Hässlichkeit ist in uns gepflanzt», heisst es.

In der Backstube des Abends zeigt sich auf wunderbare Weise die Härte einer verknappten Sprache, die Angst vor der Aufrichtigkeit hat, und zugleich der Schildkrötenpanzer einer Sprache, die offen bleiben will und Schlupflöcher bietet. Zoli spricht in einer Bild-Sprache, die sich an den Metaphern entlanghangelt, und sich weigert, eine eindeutige Bedeutung zu übernehmen.

In diesem Sinne entfaltet der Bäcker zwar jene Klangebene, die genauso zum Kriegsalltag gehört, zeigt dabei aber auch, «was Hände alles können», dass sie nämlich eine «sehr grundsätzliche Fähigkeit haben». Und lässt dabei etwas entstehen, das handfest ist, das wächst und der hinterhältigen Sprache entgegensteht.

Zuletzt bieten die Worte der Armee Zoli aber zu wenig Unterschlupf und das Erzählen vermag ihn nicht länger vor der Vereinnahmung zu schützen. Er wird brotlos und gehorsam, und seine Worte können sich nur noch hinter die Lippen zurückziehen. Zoli verstummt.

Soldat Kertész hat eine berührende Zugkraft und eine Botschaft, die weit über die militärische Kriegsrhetorik hinausgeht. Zoli ist ein ganz grundsätzlicher Mensch und stellt ganz grundlegende Fragen nach der sozialen Verantwortung für die Dinge, die um und mit ihm geschehen. Und dann vor allem die eine, an unser Fundament rührende Frage: «und Sie? Wer sind Sie eigentlich?»

 

Fotografien © Xenia Zezzi

 


Soldat Kertész.
Monolog eines Verstummten

Nach Melinda Nadj Abonjis Roman «Schildkrötensoldat»

Regie: Ursina Greuel

Weitere Aufführungen: 22./23./24.02.2018, 20:30 Schlachthaus Theater Bern.