«ein Schlüssel / zur Magie ist die Zärtlichkeit».
Gespräch mit Leonor Gnos

Léonor Gnos

Leonor Gnos arbeitet zwischen den Sprachen - dichtend auf Deutsch, lebend im Französischen. Regina Füchslin vom Buchjahr-Kooperationspartner «orte» hat die 80jährige Urnerin in Marseille besucht und mit ihr über ihren fünften Lyrikband «Lichtfalten» gesprochen.

Die Sprache kommt in Ihren Texten manchmal als ein Lebewesen vor oder etwas, das einen wie ein Lebewesen begleitet. In fallen und federn zum Beispiel heisst es, dass einer der Protagonisten vielmehr als die Bedeutung des Wortlauts «den Atem der französischen Sprache wahrgenommen habe, die Gliederung ihrer Bewegung und die Richtung, die sie einnahm. Sie gefiel ihm wie das zu einer freundlichen Person gehörende oder noch Hinzukommende, sie hatte für ihn etwas Menschliches, er träumte von ihr, um sich darin auszudehnen.» In Ihrem aktuellen Gedichtband «Lichtfalten» «lieben» die Wörter einander, sind «zerbrechlich». Was ist für Sie die Sprache, die Wörter?

Die Zuneigung zum Sprachlichen hat mich immer begleitet. Als Kind hatte ich das Ziel, viele Sprachen zu können – mindestens sechs, hatte ich zu meiner Mutter gesagt. Damals lag mir im Ohr, wie die Leute im Dorf redeten, was und wie sie sich ausdrückten. Dabei habe ich den Unterschied zwischen ihren Dialekten und Akzenten (es gab italienische und Familien aus andern Kantonen) wahrgenommen und damit auch ihre Befindlichkeit, die Richtung, die sie jeweils mit guten, derben, bösen oder unverständlichen Worten bekanntgaben. Und da war der Ton in ihren Sätzen, der oft laute, ausrufende Tonfall. Ich war fasziniert und beunruhigt in einem. Ich bin im Kanton Uri aufgewachsen und auch heute, wenn ich zurückgehe, fällt mir auf, dass die Leute laut sprechen. Lauter, glaube ich, als die Leute in Zürich oder sowieso in Frankreich.

Wörter sind lebendig. Ich habe Affektionen zu ihnen und gerate manchmal auch mit ihnen in Konflikt, wenn ich sie nicht umgesetzt fühle in eine andere Richtung oder in Lyrik. Wörter haben wir ja alle und alle haben dieselben Wörter, aber wie sie anzuwenden oder umzuformen sind, den Platz zu finden, den sie einnehmen sollten – das ist jeweils konfliktbeladen. Vor allem in der Lyrik bin ich auf der Suche, das Unsagbare anzusprechen, die Wörter in neue Sinne und Stimmungen zu verwandeln, sie zu verdichten, um etwas Eigenes zu schaffen. Lieblingswörter habe ich keine. Ich bin einfach sehr froh, wenn die Wörter so kommen, wie sie platziert werden sollten.

Was geschieht mit den Wörtern
wenn ihnen Freund und Feind
unbedarft Klischees aufsetzen
Rücksicht Gewohnheiten
Worthüllen die kein Licht
und keinen Schatten werfen
Ausschusswörter Abfallwörter
zu Wortasche werden
bis aus der Totenstille
ein eigener Wortwille
auflebt aus leisen Tönen

                       aus: Lichtfalten

Sie haben verschiedene europäische Sprachen gelernt und unterrichtet. Sie kennen sich aus mit dem Hin- und Herwechseln zwischen den Sprachen, wohnen in Frankreich, schreiben aber Deutsch. In Ihren Texten kommen oft Wortspiele vor, zum Beispiel «Waffen sagen» bei einer Baumfällaktion in Lichtfalten, oder Sie vergleichen Wörter zwischen den Sprachen wie im Gedicht patience klingt klarer als Geduld. Ist Ihnen die Spannung zwischen Französisch im Alltag und Deutsch als Sprache Ihrer Texte Inspiration?

Als Leserin deutscher und französischer Literatur reizt mich der Vergleich zwischen den Sprachen allemal. Französisch ist eine geografische, Deutsch eine geologische Sprache, sagt Georges-Arthur Goldschmidt. Französisch spielt sich auf dem Boden ab, ist linear; Deutsch darunter, tiefer, was schon seine vielen Präfixe ( ab-, auf-, aus-, durch-, ver-, zer-, ent-, unter-) aufzeigen, was die französische Sprache nicht kennt. Die Akzente aigu, circonflexe und grave auf den französischen Vokabeln zum Beispiel haben mich dazu animiert, die Protagonisten von fallen und federn Flex, Aki und Gravida zu nennen: Einer dehnt sich weit aus in der Zeit, der andere mag den scharfen Nachdruck, das sich schnell Aufrichtende, dazu kommt grave, der Akzent des Historischen.

Gnos

Zur Autorin

Leonor Gnos wurde 1938 in Amsteg-Silenen im Kanton Uri geboren. Nach einem Sprachenstudium, das sie quer durch Europa führte, liess sie sich 1988 in Paris nieder, wo sie als Deutschlehrerin arbeitete. In den letzten zwanzig Jahren veröffentlichte Gnos zahlreiche Gedichtbände und Erzählungen; 2017 erschien ihr Lyrikband «Lichtfalten».

Die Frau heisst Gravida, auch ausserhalb der Sprachgeschichte, ihre Stimme ist tief (la voix grave) und sie ist schwanger (gravis). Wenn ich in Lichtfalten die sich liebenden Wörter anführe, geht es um die Komposita, wie zum Beispiel «Schlüsselbein» oder «Seelenklempner», die es im Französischen nicht gibt. Jedenfalls lädt die Differenz zwischen den beiden Sprachen die Energie auf, die Ideen freisetzt. Ich liebe es, auf Reisen in andere Länder zu beobachten, wie die Sprachen laufen.

Sie haben lange in Paris gelebt, jetzt in Marseille. Im Band Jenseits von Blau ist eines der Kapitel mit «Macadam» überschrieben, der Bezeichnung für einen Strassenbelag und in fallen und federn beschreiben Sie «die heftige, unbegründete Freude am Leben und am Pulsieren der Welt». Spüren Sie dieses Pulsieren der Welt in den grossen Städten am besten? Oder könnten Sie auch in einem Dorf leben?

Ich lebe gerne in einer Grossstadt, spaziere durch die Strassen, über die Plätze der Viertel. Ich mag die Vielfalt der Völker, die Transparenz der Bedingungen der menschlichen Existenz. So fühle ich mich nie ganz allein, sondern auch ein wenig der/die Andere. Vielleicht sind wir vom gleichen Stoff der Träume; der Versuch nach der Höhe dieses Stoffes bringt uns einander näher, beschränkt zumindest die Angst voreinander. Ich fühle mich aufgehoben, bin mitten in der Welt. Während in Luzern ein Schwarzafrikaner sofort auffällt, habe ich hier nie nur Weisse im Blickfeld. Ich habe das sehr gern. Die Vielfalt der Ethnien ist natürlich, nicht fremd, sie gehört dazu.

Für mich ist das Weggehen wichtig. Ich bin schon früher gerne etwas weiter gegangen als aus Amsteg heraus. Ich kenne aber auch Leute in Bristen oder Amsteg, die den Kanton Uri in ihrem ganzen Leben nicht verlassen haben. Das fasziniert mich auch, dass es einem auch genügen kann, in Bristen zu sein und dort seine Arbeit zu entwickeln – oder was immer einen beschäftigt.

Die Natur spielt in vielen Texten ein grosse Rolle: Stimmungen, Vögel, der Wind. Kommen Sie in der Grossstadt überhaupt zu ausreichend Natur?

Ich bin am Fusse des Bristenstocks aufgewachsen. Den Sommer liebte ich als Kind am meisten, die warme Erde, das Liegen im Gras, die in der hohen Luft tirilierenden Schwalben, der Berg im Abendrosa. Noch immer liebe ich diesen Berg in der Vertikalen einer Pyramide. Aber auch das Meer hat diese Kraft wie die Berge. Das Licht in Marseille, das einen wirklich erhellt. Die Nähe der weissen Stadtlandschaft, dahinter ein Kranz von Hügeln und «Schnee» auf den Kreten der Kalksteinfelsen, wenn die Abendsonne sie anstrahlt. Das ist nicht echter Schnee, aber in der Abendsonne sieht es für mich so aus, als liege auf diesen Spitzen Schnee. Ein eindrückliches Bild, das mich mit meiner Heimat verbindet. Ich habe das Glück, so zu wohnen, dass ich diese Hügel sehen kann und einen Teil der Stadt. Die Vögel, die vom Wind gepeitscht wie Raketen in die Luft starten, ihre Flügel spannen, sich in die Leere werfen und singen.

Seidenweich und reich
die Oberfläche des Meers
Stoff für ein Traumkleid

[...]

Blick für das Kleine
die erlesene Feinheit
Lichtfalten im Meer

                       aus: Lichtfalten

Im neuen Buch «Lichtfalten» gibt es das Kapitel «Quo vadis» mit Gedichten zu Flüchtlingen. Auch in früheren Bänden ist menschliches Unglück, Heimatlosigkeit, Vereinsamung ein Thema. Treiben politische Themen Sie zum Schreiben an?

Ja, das Kapitel «Quo vadis» habe ich angesichts der Flüchtlingsströme in die nördlichen Länder und ihrer Aufnahme dort geschrieben. Allgemein geben mir die Behausten und Unbehausten, die Verwüstung unserer Umwelt, die Verheerungen durch Krieg und Terror, worüber wir täglich erfahren, so zu denken, dass ich versuche, meine Gedanken in Sprache zu übersetzen, umzusetzen. Ich bin Beobachterin, aber auch Zeugin dessen, was sich vor meinen Augen abspielt in dieser Stadt, in der sich seit jeher nicht nur Erneuerer, sondern auch Gestrandete eingefunden haben. Auch sie sind in ihrem Elend heimatlos.  Das Wort «Flüchtling» kann auch übertragen gemeint sein: Dass Bedürftige bei uns ankommen, die keine Heimat haben – auch wenn sie nicht geflohen sind.

Sie schreiben in Ihren Texten über Schmerz und menschliches Unglück, lassen aber nie einen resignativen Tonfall zu. In fallen und federn heisst es, man müsse «überhaupt die ganze Schärfe seines Verstands zusammenklauben, um sich besser zu machen als man ist, damit einen das Glück auch findet». Wie muss man Leben, um das Glück anzuziehen?

Ich denke, wir sind, was wir entscheiden. Aber manchmal müssen wir auch verzichten können. Das Höchste und Tiefste der Dinge zu erreichen, ist schwierig, doch kann ich versuchen, das Senkblei gleichzeitig auf die Existenz und auf das Sprachliche zu richten, auf die Fragen von Eigenem und Anderem, von Fremdheit und Verstehen. Durch die Literatur, die Musik oder ein Bild fühle ich mich geschützt, irgendwie aufgehoben. Zwar habe ich dieses Buch, dieses Werk nicht geschaffen, doch es hat mit mir zu tun, hält mich im Gange, zeigt mir die Lebendigkeit meiner Gegenwart, wie es auch Verwandte und Freunde tun. Bitterkeit im Alter finde ich sehr schlimm. Es war mir deshalb immer wichtig, etwas zu ändern, wenn mir ein Weg nicht mehr richtig schien. Auch wenn es nicht immer möglich ist, etwas zu verändern, kann man doch immer versuchen, im Kopf in die gewünschten Welten zu gelangen.

Spiel Akkordeon
schlag die Trommel
orchestriere
die Aussicht der Lebenden
leg die schwarzen Schatten
über das Schandmal
das einst zu Menschen gehörte
spiel Akkordeon
schlag die Trommel
spiel für den nächsten Tanz
hol die Venus vom Himmel
und sprich leise
wenn du von Liebe redest

                       aus: Lichtfalten

Das Gespräch führte Regina Füchslin.


Gnos Lichtfalten

Leonor Gnos: Lichtfalten. Gedichte. 96 Seiten. Eggingen: Klaus Isele 2017. 33,90 CHF.