Ein «Beobachter an der Peripherie der Geschehnisse»

Haller Fliessen

Mit kompromissloser Unbestechlichkeit und nicht zum ersten Mal lässt uns der Aargauer Christian Haller an der literarischen Rekonstruktion seines Wegs zum Schriftsteller teilhaben. Im Zentrum von «Das unaufhaltsame Fliessen» stehen die gleitenden Übergänge von privaten und gesellschaftlichen Verstrickungen.

Die Handlungskette des zweiten Bandes von Hallers autobiographischem Projekt setzt nahe der Schreibgegenwart ein. Der den Lesern des ersten Bandes «Die verborgenen Ufer» noch präsente Einsturz der über dem Fluss hängenden Terrasse wird im neuen Band nicht zum Anlass von Reflexionen über das eigene, schmale Fundament, sondern weckt Erinnerungen an Hallers Zeit nach dem Lehrerseminar, die er rückblickend mit dem drohenden Einsturz seines Lebensgebäudes assoziiert. Hallers Wahrnehmung kulminiert in dem Gefühl, dass «sein Leben und Arbeiten gestaut und nicht in Fluss war.» Das titelgebende Sprachbild durchfliesst auf solche Weise den ganzen Text und taucht darin immer wieder auf, um an dieser Stelle der Rezension die Metaphorik Hallers aufzunehmen.

Entlang seiner Erinnerungen an diesen Lebensabschnitt schreibt Haller seine individuelle Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schweiz der 70er- bis 80er-Jahre. So bestärken ihn beispielsweise die Zürcher Globus-Krawalle darin, als Mann der Worte ein Leben als Beobachter zu leben. Diese Gesinnung tritt bereits früher im Text deutlich zutage, wenn Haller wie schon Robert Walsers Spaziergänger beim ziellosen Flanieren eine Buchhandlung betritt. Er erkundigt sich dort allerdings nicht «nach dem Neusten und Besten auf dem Gebiet der schönen Literatur». Vielmehr spielt ihm «das gewohnte Durchsuchen der Lyrikregale» ein Bändchen mit Gedichten Adrien Turels in die Hände. Berührt, aber auch irritiert von deren Klang und fasziniert von Turels philosophischen Gedanken, macht sich Haller daran diesen Nachlass zu sichern. Der weitere Lebens- und Romanverlauf treibt ihn eher zufällig zum Studium der Zoologie, bis er schliesslich in den alles andere als ruhigen Hafen des Gottlieb Duttweiler Instituts einfährt.

Entlang seiner Erinnerungen an diesen Lebensabschnitt schreibt Haller seine individuelle Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schweiz der 70er- bis 80er-Jahre. So bestärken ihn beispielsweise die Zürcher Globus-Krawalle darin, als Mann der Worte ein Leben als Beobachter zu leben. Diese Gesinnung tritt bereits früher im Text deutlich zutage, wenn Haller wie schon Robert Walsers Spaziergänger beim ziellosen Flanieren eine Buchhandlung betritt. Er erkundigt sich dort allerdings nicht «nach dem Neusten und Besten auf dem Gebiet der schönen Literatur». Vielmehr spielt ihm «das gewohnte Durchsuchen der Lyrikregale» ein Bändchen mit Gedichten Adrien Turels in die Hände. Berührt, aber auch irritiert von deren Klang und fasziniert von Turels philosophischen Gedanken, macht sich Haller daran diesen Nachlass zu sichern. Der weitere Lebens- und Romanverlauf treibt ihn eher zufällig zum Studium der Zoologie, bis er schliesslich in den alles andere als ruhigen Hafen des Gottlieb Duttweiler Instituts einfährt.

Christian Haller

Zum Autor

Christian Haller wurde 1943 in Brugg geboren, studierte Biologie und gehörte der Leitung des Gottlieb Duttweiler Instituts an. Er wurde u. a. mit dem Aargauer Literaturpreis (2006), dem Schillerpreis (2007) und dem Kunstpreis des Kantons Aargau (2015) ausgezeichnet. Sein umfangreiches Erzählwerk mündete zuletzt in eine autobiographische Trilogie, deren erster Teil  - »Die verborgenen Ufer« - 2015 erschien. Haller lebt als Schriftsteller in Laufenburg.

Bild: © Toni Suter und Tanja Dorendorf

«Der Park war wunderschön». Dieses Selbstzitat leitet den dritten Teil des Buchs ein. Die immer wieder eingestreuten und meist kontextualisierten Aufzeichnungen aus seiner Zeit am Institut und den Jahren danach – Tagebuchauszüge und Zitate aus unpublizierten Romanen – durchziehen die folgenden Kapitel und sind Ausdruck von Hallers Drang zur Selbstdokumentation. Die in ihrer Harmonie als paradiesisch wahrgenommene Gartenanlage steht dabei in einem bizarren Verhältnis zur Schilderung des letztlich von verdeckten und offenen Machtkämpfen geprägten Treibens am Institut.

Wie in den zahlreichen autobiographischen Vorgängerbüchern besticht Haller dabei auch dieses Mal durch seine präzise Beobachtungsgabe. Trotzdem lässt sich dem Erzähler Haller so einiges vorwerfen - nicht zuletzt seine unglaubliche Ichbezogenheit. So drehen sich alle geschilderten Gespräche mit seiner Freundin Pippa ausschliesslich um seine eigenen, teils sehr verstiegenen, Probleme. Hallers metaphysische Phantasmagorien sind allerdings verglichen mit den Hirngespinsten seines Kollegen Kleck noch beinahe harmlos. Nomen est omen, wie sich kaum überraschend in dessen ekle(c)ktischen Ausführungen über Wittgenstein oder Hysterie zeigt. Im Gegenzug verwundert die demütige Beschreibung und Hinnahme der oft boshaften Überlegenheitsgesten, mit denen Hallers Schauspielerfreundin Pippa den sensiblen Dichter nicht selten quält. Die starke Autorzentrierung des Textes lässt sich so als Kompensation dieser Unterlegenheitsmimesis lesen.
Zudem ist Hallers Technik des ‹Zurückschreibens› der poetische Versuch den fiktionalisierten Stoff den biographischen Erlebnissen wieder anzugleichen. Haller verfährt dabei erbarmungslos, ohne Schonung der eigenen Person, aber auch einstiger Freunde. Auf sehr anschauliche und zugleich poetische Weise gibt er den Blick frei auf die Machenschaften am GDI. In seinem metaphysischen Masochismus bleibt der Roman dabei dennoch ein zutiefst verstörendes Buch.


Haller Fliessen

Christian Haller: Das unaufhaltsame Fliessen. 256 Seiten. München: Luchterhand 2017. 29,90 CHF.