Zerstörerische Symbiose

Schibli Flechten

Barbara Schiblis Roman «Flechten» gehört zu den bemerkenswerten literarischen Debüts des Jahres 2017. Alexandra Wittmer hat die Autorin anlässlich ihrer Lesung im Literaturhaus Zürich getroffen und sich mit ihr über Gewalt, Parasiten und Symbiosen unterhalten.

Barbara Schibli ist nicht alleine gekommen. Zwei Schriftstellerinnen lesen an diesem Herbstabend im Literaturhaus Zürich aus ihren Debüts: Neben der Schöpferin der Flechten sitzt Judith Keller, die ihren Erzählband Die Fragwürdigen mitgebracht hat. Man spricht über Schreibprozesse - und Barbara Schibli erzählt die Geschichte ihres Romans. Dieser fand seine Gestalt im Verlaufe von zehn Jahren, zuerst im Engadin, später in Zürich und Berlin. Sie brauche einen Rückzugsort ohne Zerstreuungsmöglichkeiten, wenn sie schreibe, erklärt Schibli. Beim Überarbeiten setze sie sich hingegen gerne der leisen Ablenkung in einem Berliner Kaffeehaus aus. Der Text müsse hier seinen geschützten Ort verlassen und der Autorin beweisen, dass er auch Störungen standhalte.

Mit ruhiger und klarer Stimme, passend zum Erzählton des Werkes, liest sie die ersten Seiten von Flechten. Die Protagonistin, Anna Baselgia, eine junge Forscherin, tippt zur Selbstvergewisserung ihren Namen in die Suchmaschine und beobachtet eine Mitarbeiterin, die sich auf dem Bürostuhl um ihre eigene Achse dreht. Das Motiv der Drehbewegung spiegelt Annas Beschäftigung mit sich selbst, aus welcher sie nicht herausfindet. Die Drehung sei «die natürlichste aller Bewegungen», heisst es im Roman. Wenn man nicht aufpasse, gerate alles in sie hinein.

Die Protagonistin sucht beständig nach dem Blick anderer auf ihre eigene Person – etwa in den Fotografien, die ihre Zwillingsschwester von ihr macht, oder in den Rückblenden in ihre Jugend und Kindheit. Sie fragt sich, ob das Bild von ihrer Person durch Zufall entstanden sei und was dabei fehle, obgleich es zu ihr gehöre. Die Autorin spricht vom schwierigen Prozess, «seiner selbst habhaft» zu werden. Die Nachforschungen zur eigenen Person, in Abgrenzung von der Schwester und dem Umfeld, bewege sich beständig zwischen Kontrolle und Kontrollverlust und lasse ein Kaleidoskop entstehen, das keinen festen Halt biete. Die Perspektive der Zwillingsschwester, die indirekt viel Raum einnimmt, habe sie bewusst ausgespart.


Zur Autorin

Barbara Schibli, 1975 in Baden geboren und im Aargau aufgewachsen, hat Germanistik, italienische Literaturwissenschaft und Publizistik studiert. Seit 2000 lebt sie in Zürich und arbeitet als Gymnasiallehrerin in Baden. 2016 gewann sie den Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Prosamanuskript. 2017 wurde sie für ihren Debütroman «Flechten» mit dem GEDOK Literaturförderpreis ausgezeichnet.

Das Thema der Zwillinge taucht indessen schon in einem früheren Text Barbara Schiblis auf, in dem sie eine Frau einen inneren Monolog mit den noch ungeborenen Kindern in ihrem Bauch führen lässt. Da sie die Dramaturgie dieses Textes in eine Sackgasse geführt hatte, das Interesse am Thema der Zwillinge aber bestehen blieb, entwarf sie das Szenario von Flechten mit den erwachsenen Zwillingen. Sie interessiere sich für Varianten und Verdoppelungen, sagt Schibli. Auch im Namen der Protagonistin, Anna, sei eine Spiegelung angelegt.

Es gehe ihr um eine bestimmte Form der Wahrnehmung der Welt – nicht nur darum, den Blick der anderen verstehen zu wollen, sondern auch den eigenen zu schärfen. Als Wissenschafterin nimmt Anna die Welt durch die Linse des Mikroskops wahr. Ihre Zwillingschwester wiederum ist Fotografin und sucht nach dem richtigen Ausschnitt durch die Kamera. Für Schibli versuchen beide Figuren, sich einen Zugriff auf die Welt zu verschaffen, indem sie einzelne Ausschnitte wählen und vergrössern, um sie später wieder zu einem Ganzen zu fügen.

Im Anschlussgespräch stieg das Buchjahr nochmals mit Barbara Schibli in ihren Text hinab.


In Ihrem Roman spielt die Natur eine wichtige Rolle: Anna ist Biologin auf einem sehr spezifischen Gebiet, auch werden Begegnungen in der Natur beschrieben. Gleichzeitig ist die Protagonistin eine typische Stadtzürcherin, die es in ihrer Freizeit ins Fitnessstudio, zum Feiern oder Rauchen zieht, die nicht in der Natur zu Hause zu sein scheint. Weshalb diese Kombination?

Anna beschäftigt sich beruflich mit der Flechte. Sie hat Biologie studiert und sich in einem Bereich der Botanik spezialisiert. Die Natur zeigt sich aber auch an anderer Stelle, zum Beispiel bei den «Ambrosia-Pollen», die sich in der sommerlichen Altstadt ausbreiten, oder im Bienensterben und der Luftverschmutzung, die ich thematisiere. Die Stadt und die Natur bilden ein ein Geflecht, das sich nicht in Einzelteile zerlegen lässt. Anna besitzt einen wachen Blick für die Natur, für ihre Ausbreitung in der Stadt und ihre gleichzeitige Bedrohung. Diese Bedrohung zeigt sich auch in Annas Beziehungen, die wie die Flechten ein filigranes Netz bilden.

Die Rivalität und Abgrenzung von der Schwester wird nicht so stark thematisiert, wie man dies von einem «Zwillingsroman» erwarten könnte. Annas Perspektive wird beständig durch den Wunsch dominiert, der Schwester nahe zu sein. Hat dies einen bestimmten Grund?

Die Suche nach Nähe ist im Roman zwar dominant, in ihr ist aber auch die Abgrenzung angelegt. So steht von Beginn an zwischen den Zwillingsschwestern der Umstand, dass sie einst ungleich behandelt wurden: Der Vater schenkte Leta eine Kamera, die fortan nicht nur als Instrument für Abbildungen fungiert, sondern auch an eine gewaltsame Zäsur erinnert. Daraus entwickelt sich ein andauerndes Ringen um Annäherung, eine Sehnsucht, die nicht erfüllt werden kann. Die Abgrenzung ist hingegen notwendig, damit man sich selbst erkennen kann.

Anna beschäftig sich mit in diesem Sinne mit ihrer eigenen Identität. Sie versucht sich selbst zu vergewissern, zum Beispiel mit einem Blick in den Spiegel nach dem Feiern oder indem sie ihren Namen googlet. Geht es dabei nur um ihre persönliche Positionierung als Zwillingsschwester oder auch um die Frage nach der Identität in der heutigen Gesellschaft?

Das Thema der Identität steht für mich in einem grösseren Kontext als in der Beziehung Annas zu ihrer Zwillingsschwester. Die Selbstvergewisserung und das Kreisen um sich selbst sind Ausdruck der Suche nach dem Ich, aber auch der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man mit anderen in Beziehung treten kann. Man muss sich ja kennen, damit man sich auf den anderen einlassen kann. Diese Wechselwirkung, die Möglichkeit, sich in Beziehungen kennenzulernen, interessiert mich. Und dann geht es auch darum, welchen Platz dieses Ich in der Welt besitzt. Wo stehe ich in Bezug auf das Ganze und welche Relationen liegen diesem Standpunkt zu Grunde? Vordergründig beschäftigt sich mein Roman also mit den Zwillingsschwestern, dahinter ist er für mich aber Sinnbild für das Einzelne und das Andere, die Relation zwischen dem Einen und der Welt.

Oft wird der «digitalen Generation» Narzissmus vorgeworfen, ein beständiges «Drehen um sich selbst» sowie die Unfähigkeit, sich wirklich auf andere einzulassen, in der Angst davor, etwas verpassen zu können. Enthält Ihr Text auch eine solche Form von Kritik?

Für mich gibt es durchaus narzisstische Elemente im Roman. Anna spielt mit Leta vor deren Kamera und inszeniert sich selbst. In dieser lustvollen Selbstbeobachtung beginnt sie auch, sich schön zu finden. Aber Kritik an einer bestimmten Generation ist es für mich nicht. Der Narzissmus ist Teil der Beschäftigung mit der eigenen Person, der aber andere Fragen zu Grunde liegen: Was bin ich? Was macht mich zu dem, was ich bin? Was sehen andere in mir? Oder auch: Was sieht die Dentalhygienikerin in Anna, was sie selber nicht sieht? Was ist in mir drin, das ich selber nicht wahrnehmen kann? Um diese Fragen dreht sich mein Roman.

Welche Rolle spielt dabei Gewalt?

Das Thema der Gewalt taucht mehrfach auf. Mir ist wichtig, dass dabei nicht klar wird, wer Opfer und wer Täter ist. Die Protagonistin Anna nimmt beide Rollen ein, sie changiert beständig. Die Gewalt ist vor allem Ausdruck von Sprachlosigkeit, von dem, was nicht gezeigt, nicht vermittelt werden kann. Die Figuren zeigen grosse Mühe, miteinander zu kommunizieren, sie finden die richtigen Worte nicht, können ihren Gefühlen nur schlecht Ausdruck verleihen. Und im Moment, da diese Ohnmacht unerträglich wird, ist Gewalt ein Mittel, um eine Form der Nähe herzustellen. In einer Szene drückt der Freund Anna Eiswürfel in den Mund mit der Aufforderung, sie solle etwas sagen. Er verzweifelt an ihrer Stille, kann aber auch nicht kommunizieren. Die Protagonisten sind gewissermassen «aneinander gespült». Sie sind zusammen und doch jeder für sich.

Inwiefern ist das Zwilling-Sein für die beiden Schwestern gefährlich?  Die Flechte sei, schreiben sie, ein «kontrollierter Parasitismus» und die Verbindung der beiden Gewächse sei «lebensgefährlich.» Und im Satz «Die Zwillinge werden sich gegenseitig ausgleichen, nichts Extremes kann daraus entstehen», wird angedeutet, dass eben doch etwas Extremes sich entwickeln könnte. Was?

Grundsätzlich hat die Symbiose, so denke ich, für beide etwas Zerstörerisches. Leta möchte sich eigentlich der Kunstfotografie widmen, kreist in ihrer Arbeit aber konstant um die Schwester. Da es ihr nicht gelingt, sich von ihr zu lösen, bleibt ihr die Möglichkeit verwehrt, sich selber zu entwickeln. Und auch für Anna steht die Schwester so sehr im Zentrum – auch dann, wenn sie nicht anwesend ist –, dass sie in ihre Beziehung zu ihrem Freund eindringt. Deshalb kann erst in der Ferne, als Anna für einen Forschungsaufenthalt nach Finnland reist, für Anna ein echter Annäherungsprozess an ihrem Freund stattfinden.


Schibli Flechten

Barbara Schibli:Flechten. 192 Seiten. Zürich: Dörlemann 2017. 29,- CHF.