Unentschieden reicht nicht immer

Die Leitwährung von Literaturpreisen ist Aufmerksamkeit. Die Verleihung des zehnten Schweizer Buchpreises lenkte die Blicke vor allem auf einige Problemzonen des Betriebs. Das ist bedauerlich, nicht allein für den Preisträger Jonas Lüscher. Aber es könnte auch ein Anfang sein.

Matchsouvenirs

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Am Basler Bahnhof versucht ein Nordire, seinen in voller Fanmontur eintrudelnden Landsleuten vor dem entscheidenden Match knallrote Schweizer Schals zu verkaufen. Ausgerechnet. «Matchsouvenirs, Matchsouvenirs», tönt es zunehmend verzweifelt, quittiert höchstens von einem «Ya think me f… Swiss, mate?»

Am Abend wird sich die Schweiz auf dem matschigen Basler Acker mit einem torlosen Unentschieden für die WM in Russland qualifizieren. Mann des Matches ist Ricardo Rodriguez. Schon im Hinspiel hat er den unverdienten Penalty verwandelt, nun kratzt er in der Nachspielzeit einen Ball von der Linie. Einer wie Rodriguez hätte der Verleihung des zehnten Schweizer Buchpreises, die nur wenige Stunden zuvor im vollbesetzten Basler Theater über die Bühne eher holperte als ging, nicht geschadet. Denn sowohl im Angriff wie in der Verteidigung klafften doch einige Lücken.

Spielverlauf

Geplant war ein Festakt in Überzahl. Neben den fünf Nominierten des Jubiläumsjahrgangs waren auch zahlreiche ehemalige Preisträger angekündigt. Ehe aber Rolf Lappert gegen die No-Billag-Initiative, Peter von Matt über schmeichelhafte Porträts und Ilma Rakusa von der unverhofften Begegnung mit ihrem Buch in einer Bahnhofsbuchhhandlung sprechen durften, gab es eine Unterzahl zu vermelden. Der für sein Krebsbuch Halt auf Verlangen nominierte Urs Faes, so die nervöse Moderatorin, lasse sich entschuldigen, er könne nicht teilnehmen. Das Raunen einiger Zuschauer liess erahnen, dass an dieser vagen Ankündigung etwas faul war. Nur was? Das konnte auch die beherzte Intervention Melinda Nadj Abonjis nicht recht klären: Die Preisträgerin von 2010 nutzte das erste Stichwort im Moderationsgeplänkel, die «Stimme», um eben diese für den abwesenden Urs Faes zu erheben. Sekundiert von Monique Schwitter und Lukas Bärfuss wurde zu Achtsamkeit, Respekt und Sorgfalt ermahnt, ohne dass der Stein des Anstosses damit für das Publikum kenntlicher wurde. Während Monique Schwitter ihr anschliessendes Einzelgespräch dafür nutzte, die von Namen, Titeln und Zusammenhängen zunehmend überforderte Moderatorin auflaufen zu lassen, brachte Lukas Bärfuss zumindest ein Teelicht ins Dunkel: Müde sei er gewesen, antwortet er auf die obligate Frage nach den damaligen Emotionen. Erschöpft von den vielen Stationen der Lesetournee, der Aufmerksamkeit, der Anspannung während der Verleihung. Das liess immerhin erahnen, dass es Urs Faes zu viel geworden war. Und er damit offenbar nicht allein dastand.

Mixed Zone

Spätestens in diesem Moment war allen Zuschauern klar, dass es ein Nachspiel geben würde, das wiederum ein Vorspiel haben musste. So konnte man den diesjährigen Preisträger Jonas Lüscher nur bedauern, dass sein grosser Triumph in eine Art Zeitloch fiel. Die Auszeichnung für seine Gelehrten- und Silicon Valley-Satire Kraft geriet sowohl angesichts der mässigen Stimmung als auch der angestachelten Neugier leider zur Nebensache, wurde vom Wahl-Münchener Preisträger aber mit grösster Würde gemeistert: Emphatisch empfahl er auch die Bücher seiner vier Mitnominierten Julia Weber, Martina Clavadetscher, Urs Faes und Lukas Holliger zur Lektüre für den kommenden Winter und entliess das verwirrte, mit Lüschers Wahl indes hochzufriedene Publikum in die Mixed Zone, wo bei Wein und Häppchen das grosse Spekulieren begann.

Nachlesen

Nachdem vor Ort zwar einiges zu hören, aber wenig zu erfahren war, brachte Roman Buchelis online noch mehrfach umgearbeiteter NZZ-Artikel am frühen Nachmittag endlich erste Klärung: Zugesetzt habe Urs Faes der Festakt am Vorabend, genauer das ausführliche Zitieren eines derben Verrisses, den der Literaturkritiker Martin Ebel vor sieben Jahren kurz vor der Preisverleihung publiziert hatte. Und zwar als Mitglied der damaligen Jury. Zu diesem Verhalten von der Moderatorin Nicola Steiner befragt, habe Ebel auf dem Podium dieses Verhalten für unproblematisch erklärt. Als weiterer «Fauxpas» wird gemeldet, Nicola Steiner habe sich vor den versammelten Nominierten für Jonas Lüscher als Favoriten ausgesprochen und damit die anderen düpiert. Aus der Ferne ist schwer zu beurteilen, ob und in welcher Form diese für sich genommen nicht besonders spektakulären, in ihrem Zusammenwirken jedoch für namhafte und als durchaus integer bekannte Protagonistinnen und Protagonisten der Schweizer Literaturszene offenbar unerträglichen Vorkommnisse das Verhalten aller Beteiligten legitimieren. Aus der Ferne erkennbar ist lediglich, dass es sich um vielfach überkreuzte Rollenkonflikte handelt. Während also von allen Beteiligten, die bislang ohne Ausnahme argumentativ höchstens halb aus der Deckung getreten sind, eine Erklärung im eigenen Namen abzuwarten bleibt, lässt sich lediglich überlegen, was das Format des Buchpreises mit diesem offenbar von keinem gewollten, aber nötigen Diskurs der Überforderung zu tun haben könnte.

Sollbruchstellen

Dass die Sollbruchstellen des Spektakels ausgerechnet im Jubiläumsjahr knirschen, ist ebenso bedauerlich wie logisch. Der Buchpreis ist kein Museum, sondern eine auf ein paar Wochen kalkulierte Luftspringerbude. Ein Gastspiel, abonniert auf das Neue. Wie schnell das spektakuläre Programm von gestern in der Manege zum Gespensterhaften verkommt, haben schon Kafkas Artistengeschichten gewusst. Da muss man also mitmachen wollen, und es wird ja keiner gezwungen. Im Gegenteil nützt der Buchpreis auch denen, die fehlen, die sich verweigern, an ihm reiben. Und selbst finanziell fährt es sich mit den meisten diskret vergebenen Stipendien und Werkjahren auf lange Sicht besser. Dass auch dort ebenso knallhart wie im Einzelfall wachsweich und diskussionswürdig selektiert wird, geht im folgenlosen Lamento über die Superlativ-Rhetorik der Preise im Reich der unvergleichlichen Bücher leicht unter.

Dabei könnte man sich genauso gut freuen, dass hier wenigstens die Jury für ihre Auswahl öffentlich geradesteht.  Aber mit dem Geradestehen und der Öffentlichkeit hat es nicht nur im Schweizer Literaturbetrieb eben seine Bewandtnis. Denn so ungeschickt, taktlos oder auch gezielt taktierend das Verhalten einzelner Akteure in diesem Jahr gewesen sein mag, so unstrittig ist auch, dass die Interessen und Energien, die da buchpreisbedingt in einem Raum aufeinanderprallten, kein Betriebsunfall sind. Sondern den Betrieb am Laufen halten. Und manchmal zum Durchdrehen bringen. So schmerzhaft und unappetitlich es im Einzelfall ist – für eine strikte Gewaltenteilung ist das literarische Feld einfach zu klein. Was nicht nur dazu führt, dass jede und jeder ständig zwei, drei, vier Rollen zu spielen hat (und mit jeder Entscheidung verlässlich mehr Hoffnungen enttäuscht als erfüllt), sondern gelegentlich auch vergisst, in welchem Kontext man sich gerade bewegt. Parteilichkeiten ausplaudernde Moderatoren oder weibelnde Feuilletonistinnen sind da nur Symptome, die sich eher bedingt als alleinige Blitzableiter eignen. Und auch das reine Wettbewerbs-Bashing lenkt eher davon ab, dass der Schweizer Buchpreis sicher in Sachen Tempo, Umfang und Regie gelegentlich über die Bücher gehen könnte, im gesamten Betriebssystem jedoch nur die Rolle eines Kondensators spielt.

Von der Rolle

All dies, nochmals, entschuldigt keinerlei rüpelhaftes Benehmen. Wer eine Rolle annimmt, möge sie auch zu spielen wissen. Ob als Veranstalterin, Moderator, Kritikerin, Autor oder Gast. Takt bedeutet ja nicht zuletzt, den Mitmenschen lieber in seinem Irrtum oder seiner Bedürftigkeit zu belassen als ihn blosszustellen. Das ist in diesem Jubiläumsjahr den wenigsten gelungen, wobei abermals zu betonen ist, dass Takt und Wettbewerb nicht auf bestem Fusse stehen. Verlierer kann man bedauern, aber auch das kann eine Beleidigung sein. Was nicht wenige feine Gemüter einen gewissen Abstand zu den Arenen dieser Welt wahren lässt.  Wer das nicht kann oder mag, spiele die angenommene Rolle mit offenem Visier. Und, wo immer möglich, im eigenen Namen. Denn das Gespräch, wie, wo und warum Literatur in der Öffentlichkeit am besten aufgehoben ist, hat gerade erst begonnen.

Foto: Julien Reimer