Fahrtenschreiber

Urs Faes Halt auf Verlangen

Urs Faesʼ für den Schweizer Buchpreis nominierter Roman Halt auf Verlangen erzählt vom Schreiben gegen den Krebs. Und feiert bereits lange vor der Preisverleihung in Basel einen stillen Triumph.

Letzte Wege, erste Schritte

In seinem neuen «Fahrtenbuch» begibt sich Urs Faes auf eine doppelte Reise. Regelmässig sitzt er im Tram 11 auf dem Weg zur Chemotherapie Zürcher Spital Balgrist und lässt seine Gedanken schweifen. Und während die Ärzte gegen den Krebs mit Medizin ankämpfen, ringt er um das Leben auf der Suche nach Wörtern, die er erzählen kann. Rückblenden sind an der Tagesordnung, Fragen nach der eigenen Rolle stets präsent. Dabei widerspiegelt der stetige Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit das Gefühl von Haltlosigkeit und Ausgesetztsein, das der Protagonist empfindet. Schlaglichtartig beleuchtet er die Stationen der Tramlinie und Situationen seines Lebens. Er ist «ein Fahrtenschreiber durch die Stadt […] und die Erinnerung, […] ein Fabelschreiber». Und diese Reise kann nicht, wie der Titel suggerieren könnte, auf Verlangen abgebrochen werden. Es gibt (noch) keine Ankunft.

Zum Autor

Urs Faes

Urs Faes, 1947 geboren, lebt und arbeitet in Zürich. Seine Werke wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Schweizerischen Schillerpreis und dem Zolliker Kunstpreis. Bereits mit seinem Roman Paarbildung gelangte er 2010 auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis.

Kein Zorn

Das Buch leiht seine Stimme einem krebskranken Mann, der gedanklich in die Vergangenheit reist, seine Kindheit aufs Neue durchlebt. Er denkt an seinen Vater, der die Familie verlassen hat und selbst als er zurückkam nicht wirklich da war. Er erinnert sich seiner ersten Liebe und der ersten Schreibversuche. Wie er den Vater auf die Arbeit begleitete und erste Reisen unternahm. Als er zum ersten Mal das Verlangen nach Frauen verspürte, ganze Nächte mit ihnen verbrachte und dennoch von ihnen verlassen wurde. Und er erinnert sich an das Gefühl der Ohnmacht, wenn andere leiden und sterben. Dem gegenüber stellt er seine tägliche Reise, in der er selbst bestrahlt wird und die Krankheit vorerst besiegt.
«Halt auf Verlangen» reiht sich ein in die Tradition der Krankheitsliteratur und steht in direkter Folge von Fritz Zorns berühmtem Krebsroman «Mars» aus dem Jahr 1977. Das Schreiben in und trotz der Krankheit bildet eine Art Eigenbehandlung für beide Autoren, zusätzlich zur ärztlich verordneten Chemotherapie. Die Bücher tragen somit auch autobiographische Züge. Beide Erzähler durchleben ihre Vergangenheit aufs Neue auf der Suche nach dem richtigen Leben. Interessanterweise ist auch der Schauplatz Zürich derselbe. Allerdings sucht Zorn nach Schuldigen, die er in seinem Umfeld findet. Faes hingegen hinterfragt nicht die Gesellschaft. Er sucht nicht weniger als nach einem Halt im Leben, nach seiner Identität. «Man kann doch nicht immer auf dem Heimweg sein, ohne anzukommen.» Und diese Suche dokumentiert er, hält er fest durch das Schreiben.

Nur im Erzählen
Nur ja kein «Vaterfisch» werden, darum bittet ihn sein kleiner Bruder. Einer, der schweigt und nichts mehr zu sagen hat, der zwar körperlich anwesend, aber geistig fern und unerreichbar bleibt. Der Protagonist schreibt ins Warten, ins Fehlen, ins Schweigen. Gegen das Entschwinden des Lebens wehrt er sich mit Worten. Er schreibt seine Erinnerungen auf, um das Leben wieder hervorzurufen. Einige Erzählungen laufen ins Leere, Fragen bleiben offen, die Beziehungen zu Frauen kompliziert. Doch der Stift wird sein Halt. Einer zu sein, der schreibt, wird seine Identität. Aber was hat er tatsächlich erlebt, was sich nur vorgestellt? Im Schreiben begibt er sich auf eine Reise und dies gibt ihm zumindest die «Ahnung von Ankunft, […] im Spiel von Wörtern und Sätzen». Der daraus gezogene Trost mag fiktive Wurzeln haben, wird jedoch real erlebt: «Nur im Erzählen sei allenfalls so etwas wie Zusammenhalt zu finden, aber eben nur als Fabel, die einer sich erfinde.»

Stille Resonanz
Halt auf Verlangen behandelt die grundlegenden Fragen der Menschheit und unserer Zeit. Es geht um Leben und Tod, um Sinn und Verlust. Trotz dieser tiefschürfenden Thematik und dem Fehlen von abschliessenden Antworten dominiert nicht etwa eine um sich selbst kreisende Melancholie. So ermutigt die Schwester den Erzähler: «Es gibt ein Leben nach der Krankheit». In der Krankheit und der Erinnerung wird das Leben bejaht und intensiviert. Der Schreibstil bleibt leicht, der Wechsel der Episoden und die Unterbrüche lassen keine Schwermut zu, sondern vermitteln einen Trost, eine Verbundenheit. Denn letztendlich ist das Buch auch eine Suche nach Leichtigkeit und Lachen. Was der Erzähler am Ende über eine Frau im Krankenhaus sagt, gilt auch für seine Erzählung: «Ihre Stimme blieb leise; sie klang lange nach.» Es erinnert die Leser daran, dass jeder «der Fahrtenschreiber [s]einer selbst» werden kann und dass die Reise auch nach der nächsten Biegung noch weitergehen könnte.


Urs Faes Halt auf Verlangen

Urs Faes: Halt auf Verlangen. Berlin: Suhrkamp 2017. 199 Seiten. 28.90 CHF.