«Ein Teil vom Blues ist auch das Unvermögen am Instrument»

Michael Fehr Glanz und Schatten Gespräch

Michael Fehrs Erzählband «Glanz und Schatten» wurde im Buchjahr schon als einer der bedeutenden Titel des Frühjahrs gewürdigt. Ehe nun der Buchherbst mit einer Fülle neuer Titel beginnt, haben Mirja Keller und Seraphin Schlager den Berner Autor noch einmal zum Gespräch getroffen - einem Gespräch über die Kunst der Pause, das Glück und Unglück der Konserve, erzählerischen Fatalismus und die Tatkraft des Blues.

Bei den Solothurner Literaturtagen im Mai hatten Sie, passend zum Titel  «Glanz und Schatten», die Gelegenheit im Dunkeln aufzutreten. Wie war’s, welche Bedeutung hat die Dunkelheit für Sie?

Ich habe anfangs zwanzig in der Blinden Insel, einem Restaurant ähnlich der Blinden Kuh in Zürich, gearbeitet. Die Dunkelheit hatte aber auf mein Verhalten keinen besonderen Einfluss. Ich merke aber, dass es mich entspannt, im Dunkeln zu sein. Und ich verspüre Lust, mit Geräuschen zu experimentieren. Die Skalierung von Tönen im Dunkeln ist ja viel feiner, weil die Dunkelheit die auditive Wahrnehmung sensibilisiert. Ich kann dann auch viel selbstverständlicher mit Pausen umgehen. Wenn die Leute sehen, habe ich immer das Gefühl, meine Langsamkeit über eine Show etablieren zu müssen.

Ihre Sprache ist eine sehr mündliche, eine impulsive Sprache. Schmerzt es Sie nicht ein wenig, ihre Erzählungen als verschriftlichte, festgesetzte Äusserungen in einem Erzählband wiederzufinden?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe zu meinen Texten ein Verhältnis wie zu einer Partitur. Dieser Begriff hat sich unterdessen auch etabliert. Es ist ein gutes Bild dafür. Schrift hat für mich Konservenfunktion, sonst keine. Unser Bedürfnis nach Verschriftlichung ist das Bedürfnis nach Konservierung. Wie zu Goldrausch-Zeiten, als einige Abenteurer versucht hatten, eine Goldquelle in Kanada zu erreichen. Da war es das Corned Beef, das ihnen das Leben gerettet hat. Konserve ist also nicht nur schlecht (lacht). Schrift ist genau das, eine Möglichkeit zur Aufbewahrung, aber auch zur Distribution. Ausserdem ist es für Leute, die viel lesen, einfacher, die Konstruktion meiner Geschichten nachzuvollziehen, wenn sie ein Buch vor sich haben. Das ist mir auch wichtig, weil manchmal der Verdacht entsteht, dass meine Geschichten, aufgrund ihrer Mündlichkeit, simpel wären. Aber die Texte sind komponiert und komplexe Systeme. Das kann man im Schriftlichen besser nachempfinden. Wenn ich die Texte nur mündlich wiedergeben würde, wäre meine Stimme schon ein erster Filter, Interpretation.

Wie ist es denn in ein paar hundert Jahren, wenn wir nur noch Ihre Texte haben? Kann Ihre Literatur ohne Sie existieren?

Solange Audioaufnahmen ein Thema sind, werden meine Text wahrscheinlich noch irgendwo hörbar bleiben. Aber ich denke nun schon länger darüber nach, Tonaufnahmen zu machen. Gerade auch, weil ich mit Musik zu den Texten arbeite, wäre der Zeitpunkt dafür gekommen. Die Aufnahmen wären dann allerdings Versionen. Für mich sind Versionen aber eigentlich live. Wenn man nun anfängt, etwas aufzuzeichnen, und wenn man es noch so vital interpretiert, ist es dennoch fixiert. Ich glaube aber, meine Literatur existiert abgesehen von mir. Es stimmt natürlich, dass wir in der Schriftsprache nicht dieselben Zeichen haben wie in der Musik, um einzelne Tonvariationen zu vermerken. Aber ein Wort hat ganz viele Facetten, mündliche Aspekte. Deshalb fehlen in meinem Erzählband auch die Satzzeichen. Dadurch wird keine einheitliche Lesart vorgegeben. In unserer Erzählkultur ist die Art vorzulesen sehr stark auch von der Schule geprägt.

Zum Autor

Muchael Fehr

Michael Fehr, geboren 1982, aufgewachsen in Muri bei Bern. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut und am Y Institut der Hochschule der Künste Bern. 2014 gewann Fehr mit einem Auszug aus «Simeliberg» den Kelag-Preis und den Preis der Automatischen Literaturkritik in Klagenfurt.

Kann man die Mündlichkeit Ihrer Sprache als einen Gegenentwurf zur westlichen Schriftkultur verstehen? Ist sie ein Versuch, die Performance von unmittelbarer, spontaner Sprache wieder mehr zu priorisieren?

Ja und Nein. Ich bin natürlich Teil dieser Kultur. Aber der Glaube an die Schriftlichkeit, das ist für mich das Verhängnis. Er täuscht uns darüber hinweg, wie so vieles andere auch, dass die Dinge vergänglich sind. Mein Wort existiert nur im Moment, Schrift aber hält sich. Das ist natürlich ein grosser Vorteil der Schrift. Wenn diese Eigenschaft aber ein bedingungsloser Glaube mit sich führt, haben wir das Problem, dass wir Flüchtigkeit aus unseren Gedanken ausschliessen. Deshalb ja, meine Sprache kann als eine Art Gegenentwurf verstanden werden. Ein Engländer, den ich einmal auf Reisen kennengelernt habe, hat sich an seinen Grossvater erinnert, der ihm bei zwei oder drei komplett verschiedenen Leiden immer dieselbe Geschichte erzählt hat. Das ist für mich die Stärke von Mündlichkeit: Obwohl ich vielleicht dasselbe sage, ist es doch nicht die gleiche Geschichte, weil sie mehrdeutig ist.

Die Figuren in Ihren Erzählungen führen ein sehr existentielles Dasein. Ihre Situation stellt sich vielfach als unveränderbar heraus und Erzählungen enden, wie sie begonnen haben. Ist diese Unveränderbarkeit Ausdruck von Fatalismus?

Ja, das kann eine Misere sein, die ich manchmal empfinde. Aber ich glaube, der Ursprung der Wiederholung ist ein ganz menschlicher, nämlich einfach Puls. Vom Puls geht eine Faszination aus, weil wir ihn seiner stetigen Wiederholung wiedererkennen. Das kann aber zugleich beruhigend, befreiend, aber auch bedrängend sein. Wiederkehrendes bedeutet zwar einerseits Unveränderbarkeit, aber es bedeutet gleichzeitig, dass es ein Kontinuum gibt, das völlig losgelöst ist von unseren Handlungen. Das ist auch eine Ultraerlaubnis: Mach einfach! Oder mach nichts! Es läuft sowieso. Meine Geschichten zeigen aber auch das Gegenteil, viele bleiben auch komplett unaufgelöst und offen. Dann kann man sich fragen: Was ist das Prinzip von Komposition? Es ist Spannung und wieder Entspannung. Erblühen und wieder vergehen. Es obliegt der Gestaltung, wie sehr man diese Elemente zerrt oder zusammenpresst und welche man stärker betont. Für mich ist es letztlich eine Frage der Harmonie, ohne dass man jetzt die Gleichgewichtigkeit der klassischen Ästhetik einhalten muss. Aber Gleichgewichtigkeit ist eine menschliche Referenz, die man auch als Autor immer wieder sucht. Für mich stellt sich daher immer die Frage: Wo befindet sich in einer Geschichte der Moment der Unentschlossenheit und wie gewichtig ist er? Und wo ist der Moment der Harmonie, also der Moment der Bestätigung durch Repetition? Der ultimativste Moment von Bestätigunist die Wiederholung. Dann glaubt man, dass das gewollt ist.

Ihre Erzählungen kommen ohne schwülstige Formulierungen und ausufernde Beschreibungen aus. Sie sind gerade in ihrer Verknappung Klangkunstwerke. Sehen Sie darin die Verbindung ihrer Texte zum Blues?

Vielleicht, ja. Lustigerweise wurde mein erstes Buch «Kurz vor der Erlösung» als das Gegenteil beschrieben: üppig, opulent...Mich interessiert sicher beides. Was passiert, wenn man in einem überschwänglichen Sinn kompositorisch wird? Üppig sein ist auch eine Form von Selbstverliebtheit. Keine Üppigkeit ist notwendig, aber vielleicht schön. Später habe ich diese Worte nicht mehr gebraucht, nur noch gedacht. Diskrepanz ergibt sich da, wo ich intellektuell daherrede, aber eigentlich etwas ganz Elementares sagen will: Vermitteln will ich ein Gefühl von Essenz, von etwas Purem. Wie viele Wörter brauche ich überhaupt, um meine Essenz zu überbringen? Ein Teil vom Blues ist auch das Unvermögen am Instrument. Mir geht es um eine bestimmte Art des Erzählens. Und diese Bluesmusiker, die den Vorgang des Erzählens sehr sichtbar gemacht haben, hatten oftmals keine andere Möglichkeit mehr. Darin sehe ich meine Verbindung zu ihnen: Wenn die Behinderung eines Menschen auf einmal zu einer Tatkraft führt. Für mich sind die Bluesmusiker meine Ahnen.


Fehr glanzMichael Fehr: Glanz und Schatten. Erzählungen. 144 Seiten. Luzern: Der gesunde Menschenversand 2017. 25 CHF.

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