Auf dem Papier

Lukas Holliger Das kürzere Leben des Klaus Halm

Lukas Holligers Romandebüt liefert die immer wieder beschworene krisenhafte Männlichkeit einem furiosen Erzähler aus. Am Ende stehen ein faszinierendes Doppelspiel, das Drama des papiernen Menschen – und der grosse Baselroman.

Die jüngere Schweizer Literatur hat die Zahl der sich selbst auslöschenden Männer Mitte/Ende 40 bekanntlich in demographisch bedrohliche Höhen schnellen lassen. Lernen konnte man dabei – bei Stamm, Lüscher und zuletzt Bärfuss – das Erwartbare: Diese Männer verschwinden nicht einfach so, sondern sie suchen eine andere Erzählung jenseits der Reihenhäuser, Familienurlaube und gut dotierten Anstellungen. Heraus kommen dann Trieblandschaften, Archaismen – und vor allem Rituale der Entzivilisierung, als deren zentrale Allegorie sich das schleichende Entladen des Smartphones etabliert hat.

Zum Autor

Lukas Holliger, geb. 1971 in Basel, zählt zu den meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern der Schweiz.  2003 erhielt er eine Nominierung als ‹Nachwuchsautor des Jahres› in ‹Theater heute›, 2013 den Publikumspreis der Autorentage am Schauspiel Essen. 2015 erschien seine Erzählung ‹Glas im Bauch›.

Der Papiermensch

Auch Klaus Halm ist solch ein Verschwinder, der in seinem Hotelzimmer mit stoischem Desinteresse die sich auf dem Display anhäufenden Drohungen des Vorgesetzten sowie die zwischen Verzweiflung und Wut changierenden Kontaktaufnahmeversuche der Ehefrau zur Kenntnis nimmt. Er hat Gründe dafür; der beste unter ihnen eine Geliebte, Yvonne, die in der französischen Agglomeration Basels wohnt. Vielleicht bräuchte es diesen Grund aber nicht einmal, denn Das kürzere Leben des Klaus Halm zeigt vor allem einen Menschen, der keinen Eskapismus mehr nötig hat, weil er ohnehin schon immer im Verschwinden begriffen war. Ein Papiermensch, der weiss, dass er ein Papiermensch ist und von dem auch keiner etwas anderes erwartet. Lukas Holliger, der sich seine Meriten bislang als Dramatiker verdient hat, widmet sein bemerkenswertes Romandebüt ebendieser Spezies.

Papiermenschen sind nicht zwingend heroische Figuren, Kafkaiden, sich selbst opfernde Schreibtischtäter. Manchmal sind sie – wie Halm – auch einfach nur Besitzer einer Papeterie, die sie von ihrem zu früh verstorbenen Vater geerbt haben. Und nicht einmal diesem Erbe können sie gerecht werden, sondern verscherbeln den Laden für einen Filialleiterposten an eine deutsche Kette. Entgegen der kolportierten Volksweisheit, dass der Papeterist «die zärtlichere Vorstufe des Künstlers» sei, können manche unter ihnen mit dem Material nichts anfangen. Sie zeichnen nicht, sie schreiben nicht, sie lesen nicht. Heiner Müller halten sie (zur Bestürzung ihrer Theaterwissenschaft studiert habenden Gattinnen) für einen Skifahrer. Aber sie bleiben Papiermenschen, denn andere schreiben auf ihnen ihre Geschichten: ihre Väter, ihre Frauen – und bisweilen auch wildfremde Personen wie ein arbeitslos gewordener Filmvorführer, der sich in Halms Papeterie ein Notizbuch kauft und dieses dazu benutzt, um sich metonymisch in dieses Leben hinein zu fräsen.

Die erzählende Nemesis

Was Holligers Roman zur bisher vielleicht spannendsten literarischen Entdeckung dieses Jahres werden lässt, ist der Furor seines Erzählers. Kein Meta-Ich, das über die Möglichkeit und Unmöglichkeit solcher Geschichten räsoniert; kein sich dem Leser anbiedernder Kommentator, der «unserem Halm» ab und an gönnerhaft über die Schulter sähe. Statt dessen ein Neider, ein Aggressor. Diese Autorschaft will zerstören. Sie muss es, denn sie erkennt in Halm auf Anhieb ihren Doppelgänger in negatio – und für solche Figuren gilt die alte Hitchcock-Weisheit: «Two of you is one too many. By the end of the script one of you must die.»

Und so entpuppt sich das Doppelleben des Klaus Halm – mit Eigenheim, Frau Viola und Sohn Philip auf der einen, Yvonne, Angelpartien und Sex auf der anderen Rheinseite – nach und nach als das Arrangement eines Erzählers, der das kurze Leben, das er seiner Figur stiftet, zugleich selbst begehrt. Das eilig dahinzitierte «Der Beobachter ist Teil des Beobachteten» erhält bei Holliger eine drastische, da widersprüchliche Konkretion: Um einen Platz in der von ihm erschaffenen Welt zu erhalten, muss der Erzähler sich eine Bresche schlagen – und dabei jene Figur zu löschen versuchen, an deren Stelle er treten will. Man könnte das eine «intradiegetische Nemesis» nennen. Man könnte aber auch der Einfachheit halber in Holligers Roman verfolgen, wie das Ich des Filmvorführers einerseits sein ganzes kinematographisches Wissen nutzt, um einen Kosmos des verbotenen Glücks um seine Hauptfigur herum zu projizieren, während es andererseits ihr gerade deswegen nach dem Leben trachtet und bestrebt ist, Klaus Halm wieder von seinem Glück zu trennen. So verdrängt der Erzähler ihn erst als Liebhaber Yvonnes, nimmt ihm sodann zuerst die Vaterschaft seines unehelichen, dann die seines (vermeintlich) ehelichen Sohnes, bis Halm schliesslich ohne Frauen, Kinder und Arbeit dasteht – und sich damit just in jener Lebenssituation wiederfindet, aus der heraus der Filmvorführer seine Erzählung begonnen hat. (Der wiederum mit Kleinfamilie und Übersetzerjob in einer schicken Neubauwohnung am Rheinufer endet.)

Der grosse Basel-Roman?

Selten hat man diese Überkreuzung von erzähltem und erzählendem Schicksal in letzter Zeit so gekonnt erzählt bekommen wie bei Holliger. Sein Gespür für Szenen, die sich zeitlich wie personell frei kombinieren und dabei die wechselseitige Überblendung der Figuren hervortreten lassen, ist beeindruckend. Die Selbstbeschränkung der dramatischen Dichtung, das Denken in Kulissen und Requisiten kommt diesem Roman dabei überaus zugute. Die Geschichte entwickelt sich ganz aus der Interaktion der Figuren mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Raum heraus. Jenseits aller Verwicklungen und Erzählstrategien ist Das kürzere Leben des Klaus Halm hierüber auch eine Hommage an die Stadt Basel geworden, die dieser Text ganz in sich aufgenommen und zu seiner heimlichen Protagonistin gemacht hat. Mit einer geradezu libidinösen raumsemantischen Passion erkundet der Roman zwischen Hardwald und Huningue – «Du flussaufwärts, ich flussabwärts» – die Tramlinien, Kiesstrände, Strassen, Quartiere und ihre Bewohner; er unterscheidet Viola- und Yvonne-Plätze, Orte, an denen man sich sehen und nicht sehen lassen kann, ordentliche und unordentliche Lokalitäten. Wer Basel kennt, dem mag es sich nach dieser Lektüre auf neue Weise entziffern. Allen anderen bleibt: Das kürzere Leben des Klaus Halm ist ein toxisches, klug erzähltes und in jeder Hinsicht überzeugendes Debüt.

Nachtrag: Kollege Steier meldet soeben, dass Klaus Halm selbstverständlich eine Kreuzung aus Klaus Buch und Helmut Halm, der beiden Protagonisten aus Martin Walsers «Ein fliehendes Pferd» (1971) sei. Macht Sinn.


Lukas Holliger: Das kürzere Leben des Klaus Halm. 300 Seiten. Basel: Zytglogge 2017. 32,- CHF.